Die Artspace in der Alten Bürger. Auch dieses Jahr ein Highlight im Bremerhaven Jahreskalender: internationale Kunst und Künstler.
Was hat Bremerhaven eigentlich mit Kultur am Hut? Klar, Skulpturen im öffentlichen Raum, Kunstverein, Stadttheater: Bremerhaven braucht sich nicht zu verstecken. Kultur ist ein Magnet für Städte und sollte geachtet und gefördert werden. Da hapert es in Bremerhaven noch: Fischbrötchen und NOVO reichen da nicht.
Ein weiteres Highlight: das Graffiti-Festival Summer Madnezz (hoffentlich richtig geschrieben), das am 28. wieder startet. Es gibt genug Events in der Stadt, maritime Tage etwa, aber die ziehen ein Publikum an, das kurz reinschaut (Fischbrötchen und Pommes) und wieder geht. Kulturveranstaltungen ziehen ein anderes Publikum, eines, das bleibt, konsumiert, Zeit in der Stadt verbringt.
Wir waren neulich im Gerhard-Marcks-Haus, nebenan in der Kunsthalle startet im Oktober eine Ausstellung mit dem Thema „Dackel“. Dackel sind willkommen! Eine Freundin habe ich den Flyer geschickt, sie wollte sofort hin. Genau so bringt man Leute in eine Stadt, nicht nur Kreuzfahrttouristen, die schneller weg sind als die Klappbrücke öffnet.
(Auch so eine Sache: das Hotel an der Schleusenstraße hat keine ÖPNV-Anbindung, wie denn auch bei der Klappbrücke.)
Wenn Kultur zum Feindbild wird
Kultur ist wichtig. In Sachsen ist man gerade kollektiv durchgedreht, die AfD steht bei 40 Prozent. Ihr kulturpolitischer Ansatz ist eine „patriotische Kulturpolitik“: Kunstfreiheit bleibt formal unangetastet, aber einen Anspruch auf Förderung soll es nur noch für Kunst geben, die einen Beitrag zur „deutschen Identitätsfindung“ leistet. Die Partei unterscheidet dabei explizit zwischen „deutscher/patriotischer“ und „antideutscher“ Kunst.
Geförderte Künstler und Institutionen sollen sich sogar per Erklärung verpflichten, Deutschland und seine Kultur nicht „verächtlich“ zu machen, sonst droht Förderstopp. (OK, Schimpfen auf die Altparteien wird wahrscheinlich gefördert!)
Die AfD positioniert sich explizit gegen die „seelenlose Moderne“ und nennt das Bauhaus als Beispiel für „wurzellose Modernität“. Das ist bemerkenswert: Bauhaus-Architektur und -Möbel waren als Arbeitermöbel gedacht, als preiswertes Gegenstück zur gutbürgerlichen Elite. Heute ist ausgerechnet das zum Feindbild einer Partei geworden, die sich selbst für eine Elite hält und uns erklären will, was Kultur zu sein hat.
Ist IKEA eigentlich patriotisch genug? Da werde ich nachdenklich!
Die AfD will Theater zwar nicht verbieten, aber die Förderung an die Aufführung „deutscher Stücke“ koppeln und internationale oder rein unterhaltende Programme (was meinen sie damit?) zurückdrängen.
Bremerhaven, Bündnis Deutschland und die Rückkehr zur Wut
Das Gesellschaftsbild von Bündnis Deutschland bzw. der Bremer Fraktion Bürger in Wut lässt sich eher als rechtskonservativ-bürgerlich und wirtschaftsliberal beschreiben: „Mehr Freiheit, weniger Staat“, Bürokratieabbau, Rückkehr zum Leistungsprinzip, Abschaffung des Mindestlohns. Kulturpolitisch klingt das zunächst zurückhaltender als bei der AfD: Der Staat soll „nicht lenkend, sondern unterstützend“ wirken, „politisch-ideologische Vorgaben“ werden abgelehnt, betont wird die Bewahrung „kultureller Identität“ und „christlich-jüdischer Wurzeln“.
Gleichzeitig kritisiert dieselbe Fraktion in Bremen unklare Straftatbestände wie Hasskriminalität, man lehnt also ideologische Eingriffe des Staates ab, sofern sie nicht die eigene Position betreffen. Das ist kein eigenes Kulturprogramm, sondern nur Kritik an der „rot-grün-roten Landesregierung“, verkauft als eigenständige Kulturpolitik.
Und der Name? Der ist kein Zufall. Die Bremer haben sich die Wut bewusst zurückgeholt, weil sie als eigenständige Landesmarke offenbar zugkräftiger ist als der bundespolitische Anspruch von Bündnis Deutschland.
Der Rechenschieber und die Zukunft!
Wir erleben gerade den Niedergang von BMW, Mercedes und VW. Was ist passiert? Man hat mit dem Rechenschieber Politik und Geschäft gemacht: nach China wollte man große Verbrenner verkaufen, das war das Geschäftsmodell. Die Chinesen haben sich das Prinzip in Deutschland abgeschaut, eigene Autos gebaut und exportieren sie inzwischen hierher. Elektromobilität hat man dabei links liegen lassen, keine Vorstellung gehabt, dass daraus mal eine Chance werden könnte.
Das Muster: Man rechnet mit dem, was heute und gestern galt, fort, und blendet aus, was sich verändern wird. Das gilt für die Autoindustrie genauso wie für den Klimawandel: Auch hier verstecken sich Parteien wie Bündnis Deutschland und Bürger in Wut hinter Zahlen, statt sich der Entwicklung zu stellen.
Wer nur auf Vergangenheit und Gegenwart schaut, erzeugt eine Scheinstabilität. Stabilität, die die Zukunft nicht mitdenkt, ist nur ein Wegschieben der Probleme, die man kommen sieht. AfD und Bürger in Wut verkaufen Stillstand und Rückschritt als Stabilität, wie ein Autohändler ein Schrottfahrzeug als Neuwagen anpreist.
Wut als Markenkern

Eine Partei, die sich bewusst „Bürger in Wut“ nennt, kann nicht behaupten, die Eskalation in Richtung Hass sei ein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Der Mechanismus dahinter: Wut, die zur dauerhaften Identität erklärt wird, statt auf einen konkreten Anlass zu reagieren, braucht ein stabiles Ziel, an dem sie sich festhalten kann. Ohne erreichbares politisches Ziel bleibt sie ohnmächtig und verfestigt sich zu Feindbildern.
Das Feindbild wiederum hält die Gruppe zusammen, die sich ursprünglich nur über das gemeinsame Gefühl definiert hat. Ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.


