Wenn Regierungen Technologie aufhalten wollen

Die US-Regierung hat Anthropic angewiesen, seine neuesten KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsangehörigen zu sperren, einschließlich ausländischer Anthropic-Mitarbeiter.
Begründung: nationale Sicherheit.
Konkreter Anlass: ein schmaler, nicht universeller Jailbreak, den Anthropic selbst als wenig bedeutsam einschätzt,
und den andere öffentlich verfügbare Modelle ebenfalls ermöglichen.

Bestrafung für Widerspruch

Das eigentliche Bild?
Anthropic hatte dem US-Militär den Einsatz seiner KI für autonome Waffensysteme und inländische Überwachung verweigert. OpenAI hat solche Grenzen nicht gesetzt.
Ich habe darüber bereits geschrieben.
Die Reaktion folgte in drei Stufen:
zuerst der gecancelte Pentagon-Vertrag über 200 Millionen Dollar,
dann die offizielle Einstufung als „Supply Chain Risk“, die jeden Regierungsauftragnehmer zwingt, Abstand zu halten,
dann der Exportstopp für die neuesten Modelle.

OpenAI-Modelle mit vergleichbaren Fähigkeiten sind von der Anordnung nicht betroffen.
Was als Sicherheitsmaßnahme präsentiert wird, funktioniert in der Praxis als Bestrafung für Widerspruch.

Die Bits auf Papier waren Literatur

In den 1990ern versuchte die US-Regierung, starke Verschlüsselung als „Munition“ zu klassifizieren und deren Export zu verbieten. Phil Zimmermann, Entwickler von PGP, wurde strafrechtlich verfolgt, weil sein Programm die USA verlassen hatte. Seine Antwort: er veröffentlichte den Quellcode als gedrucktes Buch bei MIT Press. Gedruckter Text fiel unter den ersten Zusatzartikel der Verfassung, war also Meinungsfreiheit, keine Waffe.
Wer das Buch kaufte, konnte es einscannen und kompilieren. Dieselben Bits auf Papier waren Literatur.
Dieselben Bits als ausführbare Datei waren Munition. Die Exportkontrollen wurden schließlich aufgegeben.

Heute ist klar, wie grotesk staatliche Verbote werden, wenn sie versuchen, Mathematik zu regulieren.

Bitcoin und der blinde Fleck

Bitcoin erzählt dieselbe Geschichte mit einer zusätzlichen Pointe. Der Code ist vollständig öffentlich, von jedermann einsehbar und kopierbar. Diese Offenheit ist das Sicherheitsmerkmal:
Was jeder prüfen kann, dem kann man vertrauen.
Dezentralisierung und Transparenz als Schutz, nicht als Risiko.

Donald Trump ist Bitcoin-Fan und hat eine strategische Bitcoin-Reserve für die USA angekündigt.
Das Prinzip dahinter scheint er nicht auf seine KI-Politik anzuwenden oder er versteht es schlicht nicht.

Offene Systeme gewinnen immer

Technologien, die einmal existieren, lassen sich nicht durch Exportverbote stoppen.
Die Geschichte zeigt das Muster. ARPANET war ein Militärprojekt, geschlossen und kontrolliert.
Was das Internet zum Internet gemacht hat, waren die offenen Protokolle: TCP/IP, dann HTTP und HTML.
Nicht Kontrolle, sondern Öffnung war der Durchbruch.
Linux hat proprietäre Betriebssysteme nicht durch überlegene Ressourcen verdrängt (UNIX war lange bekannt), sondern durch ein überlegenes Modell:
ein offener Kernel, den jeder prüfen, verbessern und einsetzen konnte.
Was sich durchgesetzt hat, waren nicht die kontrollierten, sondern die offenen Systeme.
Letztlich basiert unser aktuelles Internet auf der Grundlage dieser Philosophie.

Europa als sicherer Hafen

Und die EU? Der AI Act verankert Transparenz und Offenheit.
Es gibt laufende Initiativen für europäische Open-Source-Basismodelle. Das ist kein Gegenprogramm zu Washington,
sondern eine andere Antwort auf die Frage: Wie entwickelt man Technologie, der man vertrauen kann ohne sie zu verteufeln und zu stoppen.

Der entscheidende Unterschied USA / EU liegt auch im Sicherheitsinteresse. Die USA behandeln KI primär als Offensivwaffe, als geopolitisches Druckmittel. Die EU hat ein anderes Problem: Russland grenzt an sie, nicht an die USA. Sie braucht KI nicht als Waffe, sondern als Schutzschild, zur Verteidigung kritischer Infrastruktur, zur Abwehr von Cyberangriffen und Desinformation. Abschottung schwächt sie, Offenheit stärkt sie.

Wenn die USA KI als Waffe behandeln und den Zugang selbst für Verbündete einschränken, treiben sie Europa aktiv in Richtung technologischer Eigenständigkeit. Nicht aus antiamerikanischem Reflex, sondern aus schlichter Notwendigkeit. Das ist kein Gegenprogramm zu Washington aus Prinzip, sondern eine andere Antwort auf dieselbe Frage: Wie entwickelt man Technologie, der man vertrauen kann.
Anthropic und andere wären gut beraten, sich nach Orten umzusehen, wo ausländische Staatsangehörige noch als Ingenieure arbeiten dürfen.

Eine Randbemerkung zum Schluss

Eine Randbemerkung zum Schluss von Claude:
Claude diente mit bei diesem Text als Lektor.
Beim Durcharbeiten meiner Entwürfe hatte er behauptet, das Internet habe sich durchgesetzt, weil es offen war und weil ARPANET der Ausgangspunkt war. Er lag falsch.
Es waren die offenen Protokolle, TCP/IP, HTTP, HTML, und der Linux-Kernel, die den Durchbruch brachten, nicht das Militärprojekt.
Die PGP Geschichte habe ich live miterlebt, weil ich zu der Zeit in New York nach genau dem Buch gesucht habe.
Ein Blogger aus Norddeutschland hat einer KI die Geschichte des Internets erklärt. Auch das ist ein Argument für offene Systeme und dass man letztlich immer selbst kontrollieren sollte, was LLM so behaupten. Claude und Co. sind klasse Instrument, ich arbeite gerne mit Ihnen und ich bekäme in der Zeit kaum den CSS Code für das Takeaway hin. Aber, ihre Stärke entwickeln sie im Dialog, und nicht als Glaskugeln die alles wissen.
Dieser Text ist aus einem Dialog entstanden.

KI-Takeaway: Die US-Regierung sperrt Anthropics fortschrittlichste KI-Modelle für Ausländer, offiziell aus Sicherheitsgründen, faktisch als Druckmittel gegen ein Unternehmen, das dem Pentagon Grenzen gesetzt hat. Die Geschichte kennt dieses Muster: PGP, Linux, Bitcoin zeigen, dass offene Systeme staatliche Kontrolle immer überwunden haben. Wer Technologie einsperrt, verliert sie. Und den Vorsprung gleich dazu.