Bremerhaven, es ist nicht nur die Bohrmuschel!

Am 18.6.2026 soll es also sein!

Der Haushalt der Stadt Bremerhaven soll beschlossen werden.

Unter Tagesordnungspunkt 3.1 finden wir den Haushalt. Wie in Bremerhaven üblich finden wir als Unterlagen dort die wesentlichen Zusammenstellungen, die leider keinen detailierten Blick zulassen. Wenn man diese Unterlagen durch diverse Programme laufen läßt, ergibt sich folgendes Bild:

Vorab:
Die Zahlen dieser Darstellung basieren auf den öffentlich zugänglichen Anlagen des Haushaltsplan-Entwurfs 2026/2027 (Vorlage StVV-V 55/2026): Gruppenübersichten (Anlage 8.2), Funktionenübersicht (Anlage 8.3) und Ausschussbereiche (Anlage 2.1). Eine haushaltsstellen-scharfe Aufschlüsselung — wie sie in Städten wie Hamburg, München oder Köln als Open Data öffentlich abrufbar ist — ist für Bremerhaven nicht veröffentlicht. Die Zuordnung einzelner Positionen zu den Kategorien Pflicht, Freiwillig und Investition basiert auf den verfügbaren Summenzahlen und ist in Teilen abgeleitet.
Eine haushaltsstellen-scharfe Prüfung ist auf Basis der veröffentlichten Unterlagen nicht möglich. Wer Fehler findet, möge sie melden.
Keine Gewähr für Berechnungen, Herleitungen und Zahlen.

Haushalt Bremerhaven 2026
Haushalt Bremerhaven 2026 — Was kostet was, wer zahlt?
Bereinigte Einnahmen und Ausgaben · Quelle: Haushaltsplan-Entwurf 2026, Vorlage StVV-V 55/2026 vom 09.06.2026
A — Was die Stadt ausgibt Mio. € B — Was Bund und Land dazugeben Mio. € C — Eigene Einnahmen der Stadt Mio. €
Pflichtaufgaben — gesetzlich vorgeschrieben, kaum steuerbar
Personal: Lehrergehälter 175 Land erstattet 100 % +194 *
Personal: Polizei 99 Land erstattet 100 % +62 *
Personal: Verwaltung, Feuerwehr, übriges 193 keine direkte Erstattung
Sozialleistungen (Hartz IV, Pflege, Behinderung) 280 Bund/Land erstatten (in 216 Mio. enthalten)
Kinder, Kita, Hilfe zur Erziehung 170 Land erstattet (in 216 Mio. enthalten)
Gesundheit, Ordnung, Sonstiges Pflicht 44 geringe Erstattungen (in 216 Mio. enthalten)
* Sammelpositionen aus Anlage 8.3 — enthalten auch Nebenkosten Soziales + Kita + Sonstiges (Land/Bund) +216
Summe Pflicht 961 Summe Erstattungen Pflicht +472
Freiwillige Leistungen — politisch entschieden, grundsätzlich kürzbar
Theater, Museum, Zoo, Erlebnis BHV 49 keine Erstattung
BEAN / Havenwelten, BIS, Sport 19 keine Erstattung
Summe Freiwillig 68
Investitionen (im Haushalt sichtbar)
Straßen, Fahrzeuge, Gebäude 15 Fördermittel Bund/Land +9
NOVO + Verbindungskanal außerhalb Haushalt 107 † im Haushalt unsichtbar
Schuldenkosten
Zinsen + Tilgungen 10 keine Erstattung
./. Globale Minderausgaben (Platzhalter) –2 Einsparungen noch nicht zugeordnet
Eigene Einnahmen der Stadt — finanzieren was Bund/Land nicht decken
Schlüsselzuweisungen Land (ungebunden) +206 Gewerbesteuer (netto) +90
Grundsteuer B +32
Gemeindeanteil Einkommensteuer +46
Sonstige Steuern +24
Gebühren, Konzessionen, Zinsen etc. +66
Schlüsselzuweisungen gesamt +206 Eigene Einnahmen gesamt +258
Bereinigte Ausgaben gesamt –964 Erstattungen Bund/Land + Schlüsselzuw. +687 Eigene Einnahmen +258
Einnahmen gesamt: 687 + 258 = = 945 Mio. €
Laufende Lücke: Ausgaben 964 ./. Einnahmen 945 = –19 Mio. €
./. Fehlbetrag aus 2025 muss noch abgedeckt werden –50 Mio. €
Gesamtlücke — ausgewiesen als Technische Ausgleichsposition ≈ –48 Mio. €
Gedeckt durch Kassenkredit — aufgeschobene Schulden, kein echtes Geld +48 Mio. €
Haushalt formal ausgeglichen (Gesamtvolumen) 1.017 Mio. €
NOVO (Neubau Stadtbibliothek + Jugendherberge, 75 Mio. €) und Verbindungskanal (32,5 Mio. €) laufen über städtische Tochtergesellschaften außerhalb des Haushalts. Die Zinsen auf den dafür aufgenommenen Kredit (110 Mio. €) sind bereits in den Schuldenkosten enthalten — ohne dass die Projekte im Haushalt benannt werden.
Hinweis zur Datengrundlage: Diese Darstellung basiert auf den öffentlich zugänglichen Anlagen des Haushaltsplan-Entwurfs 2026/2027 (Vorlage StVV-V 55/2026): Gruppenübersichten (Anlage 8.2), Funktionenübersicht (Anlage 8.3) und Haushaltsplan nach Ausschussbereichen (Anlage 2.1). Eine haushaltsstellen-scharfe Aufschlüsselung — wie sie in Städten wie Hamburg, München oder Köln als Open Data öffentlich abrufbar ist — ist für Bremerhaven nicht veröffentlicht. Die Zuordnung einzelner Positionen zu den Kategorien Pflicht, Freiwillig und Investition basiert auf den verfügbaren Summenzahlen; einzelne Positionen (mit * gekennzeichnet) sind aus Differenzen abgeleitet und als Näherungswerte zu verstehen.

Was dieser Haushalt zeigt — und was er verschweigt

Die Tabelle macht sichtbar, was im Haushalt 2026 steht. Was sie nicht zeigt, ist mindestens genauso aufschlussreich. Das NOVO — der geplante Neubau der Stadtbibliothek auf dem ehemaligen Karstadt-Areal für 75 Mio. € — taucht darin mit keiner einzigen Zeile auf. Genauso wenig wie die Sanierung des Verbindungskanals zwischen Altem und Neuem Hafen, die nach dem Bohrmuschelbefall inzwischen als Notfallmaßnahme läuft und 32,5 Mio. € kosten wird. Beide Projekte sind in vollem Gange — aber im Haushalt, über den die Stadtverordneten am 18. Juni abstimmten, sind sie unsichtbar.

Das ist kein Versehen. Es ist das Ergebnis einer Konstruktion, die Investitionen über städtische Tochtergesellschaften abwickelt und damit aus dem regulären Haushalt herausrechnet. Was der Haushalt zeigt: eine Investitionsquote von 1,6 Prozent. Was tatsächlich bewegt wird: rund 107 Millionen Euro außerhalb des Haushalts, ohne Haushaltsstelle, ohne vollständige parlamentarische Abstimmung.

Bremerhaven hängt dabei am Tropf von Bremen, Bund und Fördertöpfen.

Nur etwa ein Viertel der Einnahmen erwirtschaftet die Stadt selbst.
der Rest kommt als Bundeserstattungen, Landeserstattungen oder Schlüsselzuweisungen.
Die eigene Steuerkraft der Stadt deckt nicht einmal die Hälfte der Sozialausgaben. Der Sanierungsplan steht auf dem Papier. Aber wie die letzten Jahre gezeigt haben, kommt es in der Haushaltswirklichkeit oft anders als geplant — die Strukturkomponente ist bereits gefährdet, die Personalausgaben steigen schneller als vorgesehen, und der Fehlbetrag 2029 drohte ohne Zusatzmaßnahmen die 100-Millionen-Grenze zu überschreiten.

Es ist nicht die Zeit, hier Schuldzuweisungen auszusprechen. Bremerhaven befindet sich als Kommune in einer strukturellen Notlage — und steht damit in Deutschland leider in bester Gesellschaft. Was jedoch fatal ist, ist die mangelnde Transparenz über das, was wirklich passiert.

Das NOVO als Beispiel — wie Entscheidungen unsichtbar werden

Das aktuellste Beispiel ist das NOVO. Wenn man sich das Finanzierungsgeflecht ansieht, stellt es sich wie folgt dar:

NOVO Finanzierungsstruktur NOVO-Finanzierungsstruktur Bremerhaven Vier Ebenen: Bank gibt Kredit an Stadt, Stadt gibt Eigenkapital an Stäwog, Stäwog leitet an Stägrund weiter, Stägrund baut NOVO und vermietet an Stadtbibliothek und DJH. Dividende fließt über Stäwog zurück an Stadt. Kreditmarkt Bank Stadt Bremerhaven Kreditnehmerin · Schuldnerin 110 Mio. € Kredit (2025) ~3–3,5 % Zins · Tilgung: nicht geplant Stäwog Treuhänder · IPA-Träger Stägrund Bauherr · Eigentümer (Erbbaurecht Karstadt-Areal) 45 Mio. € Eigenkapital „finanzielle Transaktion“ §18a LHO 45 Mio. € weitergeleitet + 30 Mio. € 2027 (noch ohne Haushaltsstelle) NOVO-Gebäude 75 Mio. € Zielbudget Bau + 8 Mio. € Planung (Phase 1) baut Stadtbibliothek + öffentliche Fläche Miete: ~2,193 Mio. €/Jahr DJH Jugendherberge Untermieter (32 %) Miete: ~1,032 Mio. €/Jahr mietet untermietet 3,225 Mio. € Bruttomiete 58 % Zins Tilgung: 0 Dividende: 1,875 Mio. €/Jahr (2,5 % fix) 1,875 Mio. €/Jahr → Stadt Kapitalfluss Miete / Dividende zurück Zinsen / sonstiges

Der NOVO Kreislauf:

Alles verstanden? Das ist die Konstruktion, die der Beschluß zum NOVO vorsieht.
Wenn man die Stadt Bremerhaven, BIS, STÄWOG und STÄGRUND als ein Unternehmen sieht, das sind sie auch, egal wie sie sich nennen. Dann sieht die Rechnung eigentlich ganz einfach aus:

NOVO — Cashflow der Stadt (ohne Töchter)
Ehrliche Rechnung: Was fließt wirklich aus dem System Stadt heraus? · Quelle: NOVO-Beschluss I/116/2025
Position /Jahr 30 Jahre
Abflüsse — was die Stadt wirklich zahlt
Zinsen an Bank (3,0 % auf 75 Mio. € Kredit)
Instandhaltung Gebäude (1,2 % des Gebäudewerts) –900.000 € –27,0 Mio.
Verwaltungskosten (0,6 % des Gebäudewerts) –450.000 € –13,5 Mio.
Summe Abflüsse
Zuflüsse — was die Stadt zurückbekommt oder spart
DJH-Untermiete echter externer Zufluss +1.032.000 € +31,0 Mio.
Bisherige Bibliothekskosten entfallen +615.550 € +18,5 Mio.
Summe Zuflüsse +1.647.550 € +49,4 Mio.
Netto-Cashflow Stadt pro Jahr
Was in der Stägrund-Konstruktion unsichtbar bleibt
Instandhaltung + Verwaltung (in Miete vergraben, nie als Stadtkosten sichtbar) –1.350.000 € –40,5 Mio.
Zinsdifferenz (Marktzins ./. 2,5 % Dividende) — Subventionsbetrag
Zum Vergleich: Was der NOVO-Beschluss (I/116/2025) nennt
Bibliotheksmiete ./. bisherige Kosten = „Mehrkosten“ laut Beschluss –1.577.450 € –47,3 Mio.
Nicht enthalten im Beschluss: Zinslast, Bewirtschaftungskosten, DJH-Gegenrechnung unvollständig
Hinweis: Instandhaltung (900.000 €) und Verwaltung (450.000 €) sind echter Cash-Aufwand bei der Stägrund — sie stecken in der Jahresmiete von 3,225 Mio. €, erscheinen aber nie als eigenständige Positionen im Stadthaushalt. Ebenfalls nicht enthaltene Positionen: Bewirtschaftungskosten (Reinigung etc.), Indexierung (steigt mit Inflation), Risiko offener DJH-Vertragsverhandlungen. Der Marktzins auf den Stadtkredit ist nicht dokumentiert — bei 3,0–3,5 % ist die Zinsdifferenz 375.000–750.000 €/Jahr.

Im Haushaltsentwurf steht davon nichts.
Der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass zwischen dem Zielbudget von 75 Mio. € und dem von Gerber Architekten ermittelten Kostenrahmen von 90,8 Mio. € eine erhebliche Lücke klafft — und dass selbst die 75 Mio. € nicht vollständig gedeckt sind. Von den 45 Mio. € die 2025 als Kapitaleinlage an die Stäwog flossen, fehlen noch rund 30 Mio. €, bevor auch nur ein Stein gesetzt werden kann.

Wo diese 30 Mio. € herkommen sollen, dazu äußert sich der Beschluss (I/116/2025, S. 6) bemerkenswert offen — und mit zwei Alternativen ohne Festlegung:

„2025 ist eine Kapitaleinlage in Höhe von 45 Mio. € geplant. 2027 wären weitere 30 Mio. € als Kapitaleinlage bereitzustellen. Alternativ dazu kann die STÄGRUND auf dem Kapitalmarkt die Summe, analog zu dem Vorgehen bei den Schulneubauten und des Polizeireviers Geestemünde, fremdfinanzieren."

Entweder nimmt die Stadt 2027 erneut einen Kredit auf und gibt ihn als Eigenkapital an die Stäwog weiter — ohne Haushaltsstelle, ohne Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung. Oder die Stägrund finanziert die 30 Mio. € selbst am Kapitalmarkt — dann bleibt es im Stadthaushalt unsichtbar, aber die Stägrund trägt Marktzinsen die ihre Bilanz weiter belasten.

Beides steht im Doppelhaushalt 2026/27 mit keiner Zeile. Die Entscheidung soll laut Beschluss beim Zielpreis im April 2027 fallen — also mitten in der laufenden Haushaltslaufzeit, ohne formellen StVV-Beschluss über die konkrete Finanzierungsquelle.

Das Wort „wären bereitzustellen" ist keine Haushaltsstelle. Es ist eine Absichtserklärung.

Die Auslagerung von Projekten wie NOVO an Tochtergesellschaften ist kein Einzelfall und kein Notbehelf — es ist eine bewusste Finanzierungsstrategie. Über das Instrument der „finanziellen Transaktion" nach § 118 Abs. 2 LHO werden kreditfinanzierte Eigenkapitalzuführungen an Töchter geleitet, die formal nicht unter die Schuldenbremse fallen. 2024 waren es 20 Millionen Euro, 2025 110 Millionen Euro — davon allein 45 Millionen für NOVO.

Das Ergebnis: Was einmal eine Investitionsentscheidung war, wird zur jahrzehntelangen konsumtiven Mietzahlung. Die 2,193 Millionen Euro, die die Stadt jährlich für die NOVO-Bibliotheksflächen zahlen wird, sind unkündbar, stehen nicht zur Disposition im nächsten Sparpaket und entziehen sich damit jedem parlamentarischen Einsparungsbeschluss. Über 30 Jahre ergibt das rund 65 Millionen Euro allein für den Stadtbibliotheks-Anteil, für ein Gebäude, das der Stadt nicht gehört.

Die Schuldenbremse soll verhindern, dass unkontrolliert langfristige finanzielle Verpflichtungen aufgehäuft werden. Was hier beschrieben wird, ist genau das nur außerhalb der Bilanz, bei der die Bremse greift.

Tja, anscheinend herrscht in Bremerhaven Bremerhavener Recht

Mit transparenter Demokratie, oder wer es förmlich mag, mit dem geltenden Haushaltsrecht hat das alles nicht mehr viel zu tun.

ⓘ Transparenzhinweis

Den meisten wird klar sein, dass die Zahlen hier nicht einem Taschenrechner entsprungen sind und die Formatierung nicht mit einem HTML-Editor entstanden ist.

Bei dieser Seite und bei vielen Beiträgen habe ich KI-Hilfe gehabt. Hier, beim Haushalt, waren es sogar mehrere, einige im Pro-Modus.


Was wir als KI bezeichnen, sind Textmaschinen. Und die neigen dazu, wenn sie nicht weiterwissen, Formulierungen zu erfinden, die passen könnten. Bei Zahlenwerken ist das fatal. Aber man kann sie — Claude zum Beispiel — durch geschicktes Prompten in einen Zahlenmodus bringen, in dem sie verifizierbare Ergebnisse liefern.


So viel Arbeit mir die KI erspart: Das Prompten und die Dialoge für ein solches Thema können sich über Stunden hinziehen. Trotzdem sollte man eines nicht vergessen: Gerade bei der „phantasievollen NOVO-Finanzierung" haben die KIs für Transparenz gesorgt. Transparenz ist nun die Grundvoraussetzung für Demokratie.

Man kann KIs auch so betrachten.


Besonders deutlich wird das, wenn man sieht, wie wenig Haushaltsklarheit im Bremerhavener Haushalt selbst steckt.