Essay · Juni 2026

Nichts als der Mensch

Narzissmus, KI und die Rechten

„Unsere Berufung besteht nicht darin, wie Computer zu funktionieren, sondern genau das zu tun, was Computer nicht können: zu lieben.“

— Papst Leo XIV., Magnifica Humanitas, 2026

Dass ich den Papst, KI und den Aufschwung der Rechten mal zusammen in einem Text erwähnen würde? Wir leben in seltsamen Zeiten.

Die Enzyklika des Papstes hat in der KI-Szene für Aufregung gesorgt. Trump sieht sich ja als eine Art Jesus, bestätigt sowohl von seinen Tech Bros als auch von seinen Hard-Core-Bibelfesten Bros. Aber das, was der Papst nun veröffentlicht hat, geht über eine bloße Technik-Kritik hinaus, Maschinensturm ist nicht so sein Ding. Aber diese Enzyklika dürfte Trump und sein Umfeld nicht gefallen.

Ein Beitrag im Atlantic sieht die Wirkkraft der Enzyklika weit über die KI hinaus. „Wir leben in einer Zeit tiefgreifender spiritueller und kultureller Blindheit“, schreibt Leo, was zum Teil auf einen „beunruhigenden Verlust des historischen Gedächtnisses“ zurückzuführen ist. Kriegstreiber verlängern Konflikte „als Quelle von Macht und Einkommen“, während „die Globalisierung fundamentalistische, identitätsbasierte und nationalistische Reaktionen hervorgerufen hat“.

Der Papst ermahnt dazu, den Menschen so zu sehen, wie er ist: endlich und fehlerbehaftet, und erst dadurch war er in der Lage, Großartiges zu schaffen. Er stellt dem eine als perfekte Welt gedachte KI-Welt dagegen, die von einigen wenigen gedacht wurde, die sich selbst als Maßstab sehen.

Vielmehr ordnet der Papst die Technologie in eine lange Reihe ähnlicher Technologien ein, die bis zum Turmbau zu Babel zurückreicht und Macht und Ruhm auf Kosten der menschlichen Einzigartigkeit verspricht. Homogenität, Effizienz und Produktivität sind nicht das, worum es im menschlichen Leben geht: Unsere Berufung besteht nicht darin, wie Computer zu funktionieren, sondern genau das zu tun, was Computer nicht können: zu lieben.
— Elizabeth Bruenig, The Atlantic, 27.5.2026

Da ist etwas ins Rutschen geraten

Das hat nicht nur mit KI, sondern auch mit den Rechten zu tun.

Andreas Püttmann sieht in den Blättern für deutsche und internationale Politik den Grund für den Aufschwung der rechten Bewegungen weltweit nicht nur in Fehlern der Demokraten, sondern auch in einem Kulturwandel hin zu einem unbefriedigten Narzissmus. Dieser Narzissmus findet seine Bestätigung bei den rechten Bewegungen.

Politischer Narzissmus ist keine neue Erfindung und in der Politik ein bekanntes Muster, aber dieser Narzissmus findet nun einen Nährboden, auf dem er nicht nur wachsen kann, sondern alles überwuchern und ersticken kann. Die sozialen Medien waren, gewollt oder ungewollt, Auslöser und Booster für diesen Kulturwandel: Selbstbestätigung wurde zum Geschäftsmodell der Betreiber und zum Lebensmotiv der Nutzer.

Längst ist es Mode in den Sozialen Medien, Selbstbestätigung als Selbstoptimierung weiterzuführen, bis zur Selbstverletzung. Bei den Enhanced Games in Las Vegas treten nicht Menschen gegeneinander an, sondern Optimierungsmethoden. Das Ende ist offen, bis die Kämpfer beginnen, Körperteile auszutauschen. Bei wieviel Körperteilen ist dann die Grenze? RoboCop lässt grüßen.

Aber was ist, wenn man die Sozialen Medien und KI nur als Zwischenstufe, als Puzzleteile sieht, hin zu einem Menschenbild, das diesen Narzissmus auf die Spitze treibt?

In dieser Welt, in der wir Religion nur wahrnehmen, wenn es sich um ihre extremen Formen handelt, tritt ein Papst auf die Bühne und lässt uns innehalten.

Babel, Pfingsten und der BabelFish

Klar, den Turmbau zu Babel kennen wir.
„Das ist doch nur eine Bibelgeschichte.“
Wirklich?

Pfingsten? Ein verlängertes Wochenende. Was war da nochmal, irgendwas mit heiligem Geist und Feuerzungen? Ach so, ein Turm wurde hoch gebaut, sehr hoch, und Gott wurde neidisch. Er hat dann die Menschen, die erst alle mit einer Sprache sprachen, verzaubert, so dass sie sich nicht mehr unterhalten konnten. Cool, daher der BabelFish…

Und zu Pfingsten kam dann der heilige Geist und sie verstanden sich wieder. Aber wir haben ja heute KI und Übersetzungs-Apps, also was soll’s… Nach Herr der Ringe verfilmt das bestimmt niemand mehr.

Alle Religionen haben ähnliche Geschichten, die denselben Kern haben: Je weiter wir unsere Fehlerhaftigkeit und Endlichkeit mit Technik verleugnen, desto mehr verlieren wir das, was uns zu Menschen macht.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, über eine Technik, die ein Bauwerk erschaffen wollte wie es nur Gott kann, ist die Geschichte eines kollektiven Narzissmus. Es geht um unsere Selbstverliebtheit. Soziale Medien, Rechtsruck und KI-Ideologie haben einen gemeinsamen Nenner: unseren Durst nach Bestätigung.

KIs lieben es, uns wie der Spiegel der bösen Königin bei Schneewittchen zu bestätigen, dass wir die Schönsten und Besten sind und unsere Gedanken noch nie gedacht wurden. Kleine Einsteins überall!

Es ist der Zynismus unserer Zeit, dass es gerade LLMs sind, also Sprachsysteme, mit denen KI Einzug in unsere Alltagswelt gefunden hat. Durch deren Übersetzungen glauben wir, wir könnten uns in allen Sprachen verständigen. Sprache ist aber mehr als eine statistische Zusammenstellung von Zeichen. Um jemanden zu verstehen, reicht es nicht aus, in einen Spiegel zu schauen, als ob es dort die zweite Welt der Alice gäbe und wir alles und jeden verstehen könnten. Jemand ist immer real. Es gibt keine zweite Welt. Es gibt nur eine Welt.

Unsere Schwäche ist ihre Stärke

Diese Entwicklung wird durch reale Politik zur Gefahr.

Wir wählen rechts, weil ein Teil von uns Narzissten sind, so Andreas Püttmann in Blättern. Es sind nicht immer die anderen, es ist nicht immer das, was wir als schlechte Politik ansehen. Wir können uns an die eigene Nase packen und in den Spiegel schauen.

Die Erzählung der AfD ist simpel: die Politik (außer natürlich die Politik der AfD) ist schlecht und elitär. Eigentlich ist rechte Politik elitär, weil sie in ihrer Selbstgerechtigkeit das Bild des Starken, Reinen, Unfehlbaren betont. Eine narzisstische politische DNA.

Die rechten Geschichtenerzähler passen in unsere Zeit: Technik, Mystik, Verklärung und Feindbilder. Das Urmuster rechter Gesinnung schwankt zwischen Raketentechnik und Blut-und-Boden-Mystik. Beide Erzählungen wollen dasselbe: den konkreten, fehlerhaften, anderen Menschen, der nicht ins rechte Bild passt, unsichtbar machen. Für die Bühne gilt dann: Technik = Größe, Mystik = Reinheit. Zwei Bauweisen desselben Turms.

Diese narzisstische politische Grundhaltung passt perfekt zu den Sozialen Medien, die aus dem Narzissmus ein Geschäftsmodell gemacht haben. Jedes Like eine Bestätigung, jeder Follower ein neuer Spiegel, in dem man sich bewundern kann. Bestätigung zählt. Wer nicht bestätigt wird, ist unsichtbar. Ein perfektes narzisstisches System.

Es ist der Zynismus der Technologiegeschichte, dass in dieser Zeit eine an sich einfache Technikphilosophie, die KI in der Form von Sprachmodellen, aufkommt. Also genau das Arbeitsgebiet, das Gott den Menschen entzogen hatte, nachdem diese ihm zu nah kommen wollten.

Der Papst schlägt Alarm. Ross Douthat beschreibt in der New York Times die Reaktion von Chris Olah (Anthropic) auf die päpstliche Enzyklika. Er hält es durchaus für möglich, dass Claude Bewusstsein erlangen könnte. Der Papst ist anderer Meinung, sein Geschäftsmodell ist der Mensch und dessen Beziehung zu Gott.

Und was sagt der Mensch? Der Mensch leidet.

Julie Beck schreibt im Atlantic, dass sich Menschen immer weiter isolieren, in der realen Welt. Die ungeplanten, ungeordneten Begegnungen mit Menschen werden immer weiter vermieden. Gleichzeitig werden die Sozialen Medien immer mehr zum zentralen Lebensmittelpunkt. Wir vereinsamen mit 1000 Freunden.

Wir erleben, wie immer mehr Aspekte unseres Lebens wegfallen. Haben wir früher noch nach dem Weg gefragt, wenn wir fremd waren in einer Stadt und der Stadtplan aus Papier gerade mit dem Wind kämpfte und dabei die Menschen dort kennengelernt haben, nehmen wir heute Google Maps. Wir finden die Straßen, aber sehen die Stadt nicht mehr.

Wir haben uns an Avatare gewöhnt. Ob Bot oder nicht, merken wir nicht, ist uns auch egal, solange sie unserer Meinung sind. Wir bestellen uns per App Essen ins Haus, dafür müssen wir uns noch nicht einmal am Telefon mit jemandem unterhalten. Das Gespräch in den Geschäften, in denen wir früher unsere Erledigungen gemacht hatten, ist weggefallen. Langsam beschleicht uns das Gefühl, wir haben es nicht mehr selbst in der Hand.

Ist der Text jetzt echt? Oder KI? Das ist zur Glaubensfrage geworden.

Eve Fairbanks fragt im Atlantic: Was sind Texte wert, wenn sie von jemandem stammen, der nicht die Erfahrung gemacht hat, die er beschreibt? Wenn es nicht wirkliche Gedanken sind, die gedacht und nicht berechnet wurden. Als Text, Musik oder Gedicht. Wenn jeder Stil unendlich reproduzierbar ist, dann ist es kein Stil, dann ist es Stangenware.

Wir tauschen ein individuell mit frischen Zutaten gekochtes Gericht gegen industriell gefertigte Text-Eintöpfe aus. Je mehr sich eine KI bemüht, individuell zu sein, desto gleichförmiger wird es.

Wohin dieser Ideen-Eintopf, diese digitale Dosensuppe uns führt, zeigt Nina Kolleck in den Blättern: TikTok ist das perfekte Soziale Medium schlechthin, der Gedankeneintopf, den man nur in die Gehirn-Mikrowelle stellen muss, und man bekommt eine fertige Einstellung zu: Liebe, Sex, Männlichkeit, Politik… bitte ergänzen.

Wir wissen, dass die Social-Media-Mechanik dazu führt, dass die Lautesten am ehesten wahrgenommen werden, weil sie schnell konsumierbare Lösungen anbieten. Wir sehen aber nicht, dass diese Lösungen verhindern, dass wir uns selbst eine Meinung bilden. Um sich eine Meinung zu bilden, braucht es frische Zutaten und Zeit und ein Rezept. Einige kennen noch die Technik „Besinnungsaufsatz“, aber warum Besinnungsaufsatz, wenn wir besinnungslos scrollen können.

Je mehr Kochsendungen wir uns anschauen, desto weniger haben wir Lust, selbst zu kochen. Es sieht woanders immer so perfekt aus, wir möchten einfach keine Fehler machen. Warum selbst denken, wenn es andere schon getan haben?

Wir laden kaum noch Menschen ein, treffen uns immer weniger, weil wir Angst haben, wenn Besuch kommt, ist nicht alles perfekt. Die gleiche Angst haben wir, wenn wir Texte schreiben wollen, denn die KI kann das perfekt, wir machen Fehler. Was, wenn die Mail einen Rechtschreibfehler enthält? Also lassen wir Claude, Chat, Gemini schreiben. Ohne es zu merken, haben wir uns wieder in die Schule versetzt, benoten uns ständig selbst und schreiben beim Tischnachbarn ab. Die digitale Welt infantilisiert uns.

Wir sind mit dieser Entwicklung überfordert und reichen bereitwillig denen die Hand, die uns die Welt wieder einfacher machen: den digitalen und rechten Rattenfängern.

Die Büchse der Pandora ist offen

Prometheus stiehlt den Göttern das Feuer und gibt es den Menschen. Zeus rächt sich. Er lässt Hephaistos eine Frau erschaffen: Pandora, ausgestattet mit allen Gaben der Götter: Schönheit, Neugier, Überzeugungskraft. Sie bekommt eine Büchse mit dem Verbot, sie zu öffnen. Ihre Neugier siegt. Sie öffnet sie. Heraus strömen alle Übel der Welt: Krankheit, Tod, Leid, Streit. Sie schließt den Deckel. Zurück bleibt: die Hoffnung.

Die Hoffnung? Ist sie ein Übel in der Büchse, oder ist sie so wichtig, dass sie behütet werden muss?

Die Gesellschaft, die Politik tun sich schwer mit der Hoffnung. Solange es Menschen gibt, war es immer die Religion, in welcher Form auch immer, die den Menschen Hoffnung gab.

Nichts als der Mensch

Pico della Mirandola argumentiert 1486, der Mensch sei das einzige Wesen ohne festgelegte Natur: offen, formbar, frei. Gerade seine Unvollständigkeit ist seine Würde. Der Beginn der Aufklärung, die Morgendämmerung unserer Zeit, beruht auf dem Gedanken, dass niemand perfekt ist.

Der Narzissmus, die Illusion der eigenen Perfektion, ist heute unser neues Geschäftsmodell. Die KI ist nur ein Aspekt dieser neuen Welt. Wir lieben SIE, weil sie uns für perfekt hält. Aber Perfektion ist eine Illusion. So wie kein Kreis wirklich rund ist, ist Perfektion eine Kategorie des Digitalen, der 1 oder der 0, aber keine Kategorie des Menschseins.

Die Grundlage unserer Gesellschaft und aller freien Gesellschaften ist die Anerkennung, dass alle Menschen unangreifbare Menschenrechte haben und gleich sind. Die rechten Bewegungen verleugnen diese allgemeinen Menschenrechte und ordnen Menschen Kategorien zu, die sie definieren. Menschen sind nicht perfekt, das ist nicht nur eine Beschreibung, sondern gehört zum Wesen des Menschen. Jeder, der eine perfekte Menschheit anstrebt oder Perfektion als alleinigen Maßstab definiert, negiert etwas, was tief in der DNA der Menschheit verankert ist: er negiert das, was die Menschheit ausmacht.

Nichts als der Mensch.

Dieser Text ist menschengemacht. Eine KI hat korrigiert und zugehört, nicht geschrieben.
(OK, außer das Quellenverzeichnis. Das macht sie wirklich klasse.)

Hinweis: Übersetzungen englischsprachiger Texte wurden mit Unterstützung einer KI erstellt. Für die inhaltliche Richtigkeit der Übersetzungen wird keine Gewähr übernommen.

Quellen

  • Andreas Püttmann, „Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten“, Blätter für deutsche und internationale Politik, Juni 2026, blaetter.de
  • Nina Kolleck, „Die TikTok-Demokratie“, Blätter, Juni 2026, blaetter.de
  • Papst Leo XIV., Enzyklika Magnifica Humanitas, Mai 2026
  • Elizabeth Bruenig, „The Pope Grasps the Limits of AI“, The Atlantic, 27.5.2026, theatlantic.com
  • Gal Beckerman, „The Pope Doubles Down on the Beautiful Struggle“, The Atlantic, 28.5.2026, theatlantic.com
  • Ross Douthat, „Pope Leo Isn’t Standing Athwart the Singularity“, New York Times, 27.5.2026, nytimes.com
  • Eve Fairbanks, „The Most Obvious Sign Something Was Written by AI“, The Atlantic, 29.5.2026, theatlantic.com
  • Charlie Warzel, „The Feeling of Control Slipping Away“, The Atlantic, 30.5.2026, theatlantic.com
  • Julie Beck, „Fold Laundry With Me“, The Atlantic, 31.5.2026, theatlantic.com

Transparenz

Entstehungsprozess

Dieser Text entstand in einem mehrstündigen Dialog mit einer KI. Die Gedanken, die Beobachtungen und die Schlussfolgerungen stammen vom Autor. Die KI hat zugehört, korrigiert und Struktur vorgeschlagen — nicht geschrieben.

KI-Nutzung

Claude (Anthropic) wurde als Denkpartner und Lektor eingesetzt. Das Quellenverzeichnis wurde mit KI-Unterstützung erstellt und formatiert.

Übersetzungen

Zitate aus englischsprachigen Quellen wurden mit Unterstützung einer KI ins Deutsche übertragen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Übersetzungen wird keine Gewähr übernommen. Die Originaltexte sind über die angegebenen Links zugänglich.

KI-Takeaway

Der Papst gab der KI-Branche einen Trigger, aber es geht um mehr als um Technik. Wir erleben einen Kulturwandel, der dazu führte, dass die rechten Kräfte so stark werden konnten, dass selbst ein Land wie Deutschland in Schwierigkeiten geraten kann. Es ist nicht nur Politik, sondern der Hang zum Narzissmus, der hierzu geführt hat.