Das Werftquartier als Reallabor

Das Werftquartier als Reallabor

Das Werftquartier als Reallabor

Fünf Thesen für resiliente, autarke Gebäudeplanung – und die Anatomie eines Superblocks

Um das Werftquartier ist es still geworden. Die Pläne liegen auf dem Tisch, die Bauleitplanung ist beschlossen, die Präsentationen sind gehalten. Das ist, politisch betrachtet, ein gefährlicher Moment. Nicht weil etwas schiefgelaufen wäre – sondern weil Stille nach Beschlüssen oft der Beginn von Pfadabhängigkeit ist. Was festgezurrt ist, wird gebaut. Was gebaut wird, steht hundert Jahre.

Ich bin vor kurzem am Geestebogen spazieren gegangen. Dort wird gebaut – massiv, im wörtlichen wie im kritischen Sinne. Eine Bauweise, die vor einigen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen noch vertretbar war. Heute nicht mehr.

Das hat mich an etwas erinnert, das mich in meiner beruflichen Arbeit mit Altbauten und Gebäuden aus den 1960er Jahren lange beschäftigt hat: Warum hat man Erkenntnisse vergessen, die zum Wissensstand der Vorkriegsgeneration noch selbstverständlich gehörten? Warum hat man aus den Fehlern jener Häuser – schlechte Raumluft, Feuchteprobleme, soziale Monokulturen – nicht gelernt, sondern sie in anderer Form wiederholt?

Das Werftquartier kann mehr sein als ein weiterer Bauabschnitt im üblichen Verfahren. Aber dafür braucht es einen radikal anderen Ansatz – einen, der nicht fragt, was gerade noch normkonform ist, sondern was in fünfzig Jahren noch Bestand hat. Ein paar Gedanken dazu.

Häuser werden dabei nicht mehr als „Energieverbraucher“ oder hermetische „Thermoskannen“ geplant, sondern als klimatische, stoffliche und soziale Organismen.

Geopolitischer Kontext

Die Debatte um nachhaltiges Bauen hat eine neue Dimension bekommen. Hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur – Stromnetze, Datenleitungen, Wasserversorgung – sind kein Zukunftsszenario mehr, sondern dokumentierte Realität. Die Bedrohungslage durch staatlich gesteuerte Sabotage, wie sie im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der damit verbundenen hybriden Kriegsführung gegen westliche Gesellschaften sichtbar wird, macht Quartiersentwicklung zu einer Frage der zivilen Resilienz. Ein Gebäude, das bei Netzausfall weiter heizt, lüftet und Strom produziert, ist kein ökologisches Lifestyle-Projekt – es ist eine Antwort auf eine veränderte Sicherheitslage.

Planungsrahmen

Das übergeordnete Ziel ist nicht Effizienz im konventionellen Sinne, sondern Resilienz durch Unabhängigkeit. Jedes technische System wird danach bewertet, ob es im Störfall – bei Netzausfall, Lieferkettenunterbrechung oder Fachkräftemangel – weiter funktioniert. Das Kriterium ist nicht der Wirkungsgrad unter Normalbedingungen, sondern die Ausfallsicherheit ohne externe Abhängigkeiten.

I. Die fünf Thesen für die Hausplanung
These 1

Die „Graue Bilanz“ dekretiert den Baustoff

Ein Entwurf wird 2026 nicht mehr primär nach dem U-Wert (Wärmedämmung im Betrieb) bewertet, sondern nach der CO₂-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus. Verbundstoffe wie verklebtes Styropor auf Beton sind Planungsfehler, da sie nicht kreislauffähig sind. Es gilt das Prinzip der Sortenreinheit: Jedes Bauteil muss nach 50 oder 100 Jahren demontiert und zerstörungsfrei recycelt werden können.

These 2

Thermische Trägheit ersetzt Klimatechnik

Häuser werden mit schwerer, monolithischer Masse geplant – lehmverputzter Massivholzbau, einschaliger Klimaziegel oder zementfreier Leichtbeton. Diese Baustoffe puffern Temperaturschwankungen im Winter wie im Sommer ab. Die Architektur selbst übernimmt die Temperaturregulierung, wodurch Heiz- und Kühltechnik auf ein Minimum schrumpft.

These 3

Aerodynamisches und solares Bauen

Die Gebäudeform orientiert sich an der Natur. Im windigen Küstenklima des Werftquartiers öffnet sich die Geometrie nach Westen für die milden Sommerwinde, riegelt sich aber nach Nordost gegen eisige Winterwinde ab. Fensterflächen werden nach dem Sonnenstand berechnet, um im Winter maximale Solarthermie einzufangen – bauliche Verschattungen durch Vordächer und Loggien machen Klimaanlagen im Sommer überflüssig.

These 4

Atmung durch Thermik statt Maschinen

Die mechanische Dauerlüftung fliegt aus den Entwürfen – nicht weil Wärmerückgewinnung ineffizient wäre, sondern weil sie netzabhängig, ersatzteilgebunden und wartungsintensiv ist. Im Resilienz-Rahmen ist das eine Vulnerabilität. Häuser atmen stattdessen über modernisierte Schachtlüftungen, die auf dem Dach durch solarthermisch erwärmte Kamine angetrieben werden. Der Luftwechsel erfolgt lautlos, ohne Netzstrom und ohne wartungspflichtige Bauteile – ausfallsicherer als jede maschinelle Alternative.

These 5

Das Gebäude als Kraftwerk und Speicher

Dächer und Fassaden sind keine reinen Schutzhüllen mehr. Sie werden flächendeckend mit ästhetisch integrierter Photovoltaik (BiPV) und Gründächern zur Regenwasserrückhaltung und Kühlung ausgestattet. Energie wird dezentral über thermische Bauteilaktivierung gepuffert; elektrische Speicherung ergänzt das System auf Quartiersebene.

These 5b

Dezentrale Stromproduktion als Testfeld neu

Das Werftquartier bietet durch seine Lage und maritime Windexposition ideale Bedingungen für kleine, unkonventionelle Windkraftanlagen – etwa vertikalachsige Rotoren (VAWT) auf Dächern und Attiken, die bei niedrigen Windgeschwindigkeiten und wechselnden Windrichtungen effizienter arbeiten als klassische Horizontalachsen-Turbinen. Kombiniert mit BiPV entsteht ein hybrides Mikronetz, das auch bei bewölktem Himmel oder nächtlichem Verbrauch Strom liefert. Das Quartier wird so zum Reallabor für urbane Energieautonomie – mit direktem Erkenntnistransfer für andere Küstenstädte.

II. Die Anatomie eines Superblocks

Ein Superblock nach dem Vorbild Barcelonas – angepasst an das maritime Erbe des Werftquartiers – fasst mehrere klassische Häuserblöcke zu einer verkehrsberuhigten, autarken Einheit zusammen.

1. Das Mobilitäts-Schild (Außenhülle)

  • Der Superblock ist im Inneren komplett autofrei. Durchgangsverkehr wird außen herumgeführt.
  • An den Rändern befinden sich Mobilitäts-Hubs: E-Carsharing, Lieferdienste, zentrale Paketstationen.
  • Die Straßen im Inneren werden zu Shared Streets – lebendigen Gärten, Spielstraßen und Fußgängerzonen.

2. Das klimatische Herz (Der Innenhof)

  • Der Hof ist nicht unterkellert – keine Tiefgaragen, die den Boden versiegeln. Tiefwurzelnde, schattenspendende Bäume können wachsen.
  • Das alte Hafenbecken und der Hof sind über offene Regenwasser-Sickerkanäle verbunden. Der Superblock funktioniert als Schwammstadt: Starkregen wird aufgesaugt, verdunstet im Sommer über die Vegetation und kühlt den Block um bis zu 4 °C im Vergleich zur restlichen Stadt.

3. Das energetische Anergienetz (Quartierskopplung)

Die Häuser sind über ein kaltes Nahwärmenetz miteinander verbunden. Wohngebäude, Wissenschaftscampus und Gewerbebetriebe im Erdgeschoss teilen sich die Energie. Abwärme aus Serverräumen oder Kühltheken wird nicht in die Umwelt geblasen, sondern direkt zu Wohngebäuden geleitet, um Duschwasser zu erwärmen. Als zentraler Puffer dient ein Erd- oder Eisspeicher unter dem Quartiersplatz.

4. Der Gebäudequerschnitt

Schematischer Querschnitt – Lüftung & Energiefluss
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     ║   SOLAR-KAMIN    ║  ← Sog durch Sonnenwärme auf dem Dach
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              ▲
              │ (verbrauchte Luft steigt im Schacht auf)
  ┌───────────┴───────────┐
  │      WOHNUNGEN        │  ← 50 cm monolithische Ziegel-/Holzwand
  │                       │  ← Dreifach verglaste Holzfenster
  │  ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~  │  ← Lehmputz reguliert Luftfeuchtigkeit passiv
  ├───────────────────────┤
  │  GEWERBE / KITA / EG  │  ← Hohe Räume, flexible Nutzung
  │  ≈≈≈≈≈ Anergienetz ≈≈ │  ← Abwärme ins Quartiersnetz eingespeist
  └───────────┬───────────┘
              ▲
              │ (Frischluft strömt vorerwärmt/gekühlt ein)
     ╔════════╧═════════╗
     ║   ERDREGISTER    ║  ← Luft passiv durch kühlen/warmen Boden
     ╚══════════════════╝
Solar-Kamin
Wohnebenen
Gewerbe / EG
Erdregister
Luftführung
  • Erdgeschoss: Flexible, hohe Räume für Handwerk, Ateliers, Kitas und Nachbarschaftstreffs. Extrem robuste, kreislauffähige Materialien.
  • Obergeschosse: Wohnraum in Holz-Lehm-Bauweise. Lehmverputzte Innenwände regulieren die Luftfeuchtigkeit passiv auf 40–60 %.
  • Lüftungsprinzip: Frischluft wird über den begrünten Innenhof angesaugt, strömt durch den temperaturstabilen Erdboden und gelangt sanft in die Wohnungen. Der Solarkamin zieht die verbrauchte Luft geräuschlos nach oben ab.
Fazit

Wenn das Werftquartier so gebaut wird, entsteht ein resilienter Stadtteil, der ohne fossile Brennstoffe, ohne chemische Verbunddämmstoffe und ohne wartungsintensive Lüftungsanlagen auskommt – und der bei externen Störungen nicht kollabiert, sondern weiter funktioniert.

Es ist die Symbiose aus historischem städtebaulichem Wissen – Thermik, Masse, Gemeinschaft – und moderner Umwelt- und Materialwissenschaft. Dieser Superblock repariert die Fehler der Thermoskannen-Ära und beweist: echte Nachhaltigkeit entsteht durch Reduktion von Komplexität, nicht durch ihre Steigerung.

Die BremLBO eröffnet im Rahmen der Experimentierklausel einen rechtlichen Spielraum für innovative Bau- und Wohnformen. Städtebauliche Verträge nach § 11 BauGB eignen sich, um Nachhaltigkeits- und Qualitätsziele verbindlich zu konkretisieren. Über Konzeptvergaben kann die Kommune bei öffentlich verfügbaren Flächen gezielt nach Qualitäts- und Nachhaltigkeitskriterien steuern. Für das Werftquartier wäre das besonders relevant, weil Leitbilder allein noch keine ausreichend belastbare Umsetzung sichern.