
Ein Satz, der mich schnell verstummen lässt. Egal ob Gitarre, Klavier oder mein Low D Flöte, nicht weil ich nicht spielen will. In dem Moment, wo jemand zuschaut, klappt etwas zu. Die Freiheit geht weg. Der Fluss geht weg. Übrig bleibt Auftritt, Präsentation.
Wir haben das auf alles ausgeweitet, die Präsentation, die Bewertungen. Auf Musik, auf Essen, auf Urlaub, auf Meinungen. Hitparaden gab es schon immer, aber irgendwann haben wir angefangen, alles in Hitparaden zu verwandeln. Likes. Follower. Sterne. Wachstumsprozente. Im Dschungel wird bewertet. Im Supertalent wird bewertet. Im Quartalsbericht wird bewertet.
Wir leben in einer Schule, die nie aufhört, aus der wir nie rauskommen, mal als Schüler, mal als Lehrer, immer Prüfung.
Das ist nicht unsere Natur.
Unser Habitat ist die überschaubare Gemeinschaft. Das Dorf. Der Ort, wo man dich kennt, mit deinen Macken, deinen Widersprüchen, deinem schlechten Timing.
Wo niemand eine Bewertung von dir braucht.
Und was mache ich? Auf YouTube, Bluesky?
Natürlich schaue ich nach, wer meine Beiträge gelesen hat, wie viele ein Video gesehen haben. Natürlich klicke ich auf die Zahlen. YouTube, Bluesky, egal ich sage mir, es ist mir egal und schaue trotzdem nach. 259 Abos, 259 Follower, und ja, kurz hat mich das gefreut. Ich weiß auch warum. Ich weiß es, aber es hilft nicht viel. Ich bin kein Influencer, ich bin ein Exfluencer.
Als YouTube mir anfing zu erklären, wo ich was verbessern soll, damit mehr Leute klicken, da war er plötzlich sehr deutlich, dieser Moment. Zwei Seelen in der Brust.
Die eine sagt: schreib, sag wie du denkst, das ist gut so.
Die andere fragt: wie wirkt das wohl.
Die zweite kostet Zeit. Ein Beitrag entdecken, NYT oder so, posten, schauen, ob es ankommt, nachschauen, nochmal nachschauen. Es verbrennt Zeit.
Delmore Schwartz hat das gewusst. “Time is the fire in which we burn.”
(….. nicht das ich Delmore Schwartz gelesen habe, bevor ich die Zeilen in Star Treck „Treffen der Generationen” gehört habe)
Wenn ich vom Karussell abspringen will, hilft mir seltsamerweise ein LLM.
Morgens, Gedanken weiterspinnen. Oder: was kann ich eigentlich alles mit den Pachelbel-Kadenzen machen, auf der Low D Flöte, am Klavier, auf der Gitarre.
Ein LLM bewertet nicht, es ist nur Mathe und Statistik, mehr nicht.
Unsere Freiheit, unsere Zeit haben wir gegen etwas eingetauscht,
das sich nach mehr anfühlt als es wirklich ist.
Ich merke es. Wenn ich allein sitze und spiele, nichts aufnehme und niemand zuhört; oder wenn ich mit einem LLM rumspinne, diesem statistischen Ungetüm, das im Grunde nur Wahrscheinlichkeiten jongliert und trotzdem keinen Grund hat, mir zu schmeicheln oder mich zu einem Klick zu verführen.
Keine Agenda.
Kein Hunger nach meiner Zustimmung.
Das ist kein Lob auf KI. Das ist eher ein trauriger Befund über uns.
Dass ein Moment echter Gedankenfreiheit inzwischen leichter entsteht im Gespräch mit einer Maschine als im Netz mit Millionen Menschen, sagt mehr über die Falle, in der wir uns freiwillig begeben haben aus, als alles andere.
Wir haben sie selbst gebaut. Schritt für Schritt. Und sie schüttet Belohnungen aus, die sich wie Bedürfnisse anfühlen.
Spiel doch was vor.
TEIL2: Hinter dem Spiegel
Wir scheinen die Reale Welt nur noch danach zu beurteilen, wie sie in den Medien erscheint, wie wir sie liken und teilen können.
Mit der Realen Welt konfrontiert werden wir unsicher. Der Wal Timmy, ob das Tier sich nur verirrt hat, oder zum Sterben flaches Gewässer suchte, niemand weiß es. Die Reaktion: ein Rettungsversuch, medial begleitet.
Während Wissenschaftler sagen, laßt ihn in Ruhe, die Natur ist kein YouTube Rettungs Video können viele nicht mit den Gedanken leben, etwas nicht ändern zu können. Hinter dem Spiegel funktioniert das, auf TikTok und YouTube werden die Tiere gerettet.. Die Nachricht, daß sich Europa stärker erwärmt als Gedacht blenden wir aus, Liken, Teilen?
Der Klimawandel ist, solange er nicht in der Form von Katastrophen auftaucht, nicht medienfähig.
Lissabon wurde nach einem Erdbeben und Tsunami 1755 verwüstet.
Voltaire war entsetzt über die Sinnlosigkeit des Sterbens. Für ihn war das Beben der Beweis, dass die Welt nicht gut, die Natur grausam ist.
Er sah Gott oder die Natur in der Pflicht und „bewertete“ die Schöpfung als mangelhaft.
Rousseau: antwortete Voltaire sinngemäß: „Nicht die Natur ist schuld, sondern wie wir leben.“ * Wenn wir 20.000 Menschen in sechsstöckige, eng beieinander stehende Häuser pferchen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn bei einem Beben alle sterben. Er forderte dazu auf, die physikalischen Gesetze der Erde anzuerkennen, anstatt die Natur moralisch zu verklären oder zu verfluchen.
Wir halten die Welt der Medien für real, dort können wir jeden und alles bewerten, liken, korrigieren. Das gibt uns vermeintlich Macht.
HInter dem Spiegel der Medien ist nicht nur eine Ersatzwelt, dort scheint eine Welt ohne Verfallsdatum zu existieren.
Ohne Natur. Ohne Lissabon. Ohne den Wal, der einfach stirbt weil Wale eben sterben.
Alles kann verlängert, gerettet, geliket und geteilt werden.
Im Feed ist der Copernicus-Bericht ein Post. Timmys Rettung ist ein Post. Jemands Frühstück ist ein Post.
Gleiches Format, gleiche Schriftgröße, gleicher Scroll-Abstand.
Der Algorithmus entscheidet nicht nach Bedeutung, er entscheidet nach Reaktion.
Und wir reagieren auf Timmy stärker als auf dreißig Jahre Klimadaten.
Also gewinnt Timmy. Nicht weil er wichtiger ist. Sondern weil er mehr Klicks hat.
Warhol hat die 15 Minuten vorhergesagt, aber er konnte nicht vorhersehen, dass der Algorithmus die 15 Minuten zur einzigen Währung macht. Reichweite als Wahrheit. Nicht was stimmt, was wichtig ist, was bleibt, sondern was gerade läuft.
Es ist nicht die Berühmtheit, die er vorhergesagt hat, sondern deren Verfallsdatum.
Teil 3: Die Flucht vor der Physik
Die USA muß sich mit einem Präsidenten rumschlagen, der die Naturwissenschaften verhöhnt, Forschung abbaut und seine Sicht auf die Welt als einzig wahre sieht.
Der gleiche Präsident sieht die USA als Werbeplattform, sein Gesicht auf riesigen Plakaten, auf Geldscheinen, in Pässen. Man kann das schon bewundern: er nimmt die ganze USA als Werbefläche für sich selbst und läßt sich das auch noch bezahlen.
Wenn die physikalische Welt keine „guten Noten“ mehr zulässt, flüchten Menschen in Ideologien. Es gibt nur noch „Gut und Böse“, Likes und Follower.
Der Aufschwung der Rechten ist die ultimative Realitätsverweigerung.
Es ist schon ein Paradox, das ich die Stille des Dialogs mit einer KI aktuell als Wohltat empfinde,
um aus der Liken und Posten zu entfliehen.
Dieser Text hat morgens angefangen. Irgendwo zwischen Traum und erstem Kaffee, bevor ich auf irgendwas geklickt habe. Ich weiß nicht, ob das eine Lösung ist. Ich weiß nicht mal ob es eine Frage ist.
Aber vielleicht ist das der einzige Moment, in dem die Welt hinter dem Spiegel kurz die Klappe hält.
Spiel doch was vor.



