
Hafermilch oder Korn, das ist hier die Frage
Am 13. April berichtete die Süddeutsche Zeitung über das 100-Tage-Programm der AfD für eine mögliche Alleinregierung in Mecklenburg-Vorpommern.
Das sind kleinteilige Kontrollfantasien. Ordnung wird hier zum Selbstzweck erhoben: Die Flagge als Bekenntniszwang, die Sprache als polizeilich bewachte Grenzmarkierung.
Die Erfolge der AFD in den ehemaligen Gebieten der DDR passen nicht ganz in das Muster, das rechte Bewegungen in den USA und auch in Europa aktuell erkennen lassen.
David Brooks hat im Atlantic einen nachdenklichen Essay über den globalen Triumph des Traditionalismus veröffentlicht, letlzlich versucht die Frage zu beantworten, wie MAGA und Trump so weit kommen konnten.
Er greift tief in die Ideengeschichte eines rechten Weltbildes, bis hin zu zeitgenössischen Influencern.
Seine These:
Millionen Menschen wenden sich von der Moderne ab, weil sie spirituell leer, entwurzelt und gemeinschaftslos geworden ist.
Nostalgie als Weltanschauung.
Spengler und Guénon als Ahnen.
Also:
Die Moderne hat Freiheit gebracht, aber oft keine Heimat.
Es ist einer der besten Essay Texte den ich dazu in letzter Zeit gelesen habe, und es lohnt sich einen Blick darauf zu werfen.
Brooks erklärt einiges. Aber er erklärt nicht, warum die AfD in Mecklenburg-Vorpommern Umfragen anführt.
Ostdeutschland als Reallabor
Die Ex-DDR hat die westliche Moderne nie in dieser Intensität durchlebt. Massenmobilität, Singularisierung, Wohlstandsverwahrlosung.
Das ist nicht Rostock oder Stendal. Und trotzdem ist die AfD dort am stärksten.
Warum also AFD? Besonders nach der DDR Erfahrung mit Stasi und allem, was ein totalitärisches Regime ausmacht?
Warum die Putin Liebe?
Brooks versucht es Top Down zu erklären, ich versuche es eher aus einem anderen Blickwinkel zu verstehen.
Ein Erklärungsmuster liefert Daniel Kahnemans Theorie vom schnellen, impulsiven Handeln ( unsere bevorzugte Methode) und langsamem Denken ( wenn wir zu Ruhe gekommen sind).
Der erste AfD-Reflex im Osten war kein kulturphilosophischer. Er war eine politische Demütigungserfahrung: Wiedervereinigung als Übernahme, Abwicklung, Verwaltung von außen. Ohnmacht, keine Nostalgie und das Gefühl, haben wir denn alles falsch gemacht.
Was dann passierte?
Dieser Protestreflex wurde nicht durch Argumente entkräftet. Er wurde durch Wiederholung zur Identität. Die AfD wird nicht mehr gewählt, weil man unzufrieden ist. Man wählt sie, weil man so einer ist.
Schnelles Denken, das langsam zum Charakter wurde.
Die Toleranzlücke
Hier kommt ein zweiter Befund ins Spiel, der zu Brooks passt, aber in eine andere Richtung zeigt. Eine aktuelle Allensbach-Umfrage für die FAZ zeigt: Grünen-Anhänger haben von allen Parteianhängern die geringste Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen. 28 Prozent geben an, andere Meinungen regten sie auf. AfD-Anhänger folgen mit 24 Prozent.
Noch aufschlussreicher: Höhere Bildung korreliert mit weniger Toleranz. Und die analoge Freundeskreisblase ist politisch homogener als die digitale.
„Woke“ ist kein Phantomreiz. Es ist die erfahrbare Intoleranz einer Bildungselite, die Toleranz predigt und selbst am wenigsten davon hat. Brooks nennt das „progressive Kolonialisten“: Pädagogen, die Lehrpläne bestimmen, Experten, die Familienmodelle definieren, Medien, die Sprachregeln durchsetzen. Die Allensbach-Zahlen geben diesem Gefühl eine empirische Grundlage.
Das ist der Zünder. Nicht Spengler.
Das Programm aus dem Gartenzwerg-Milieu
Was am Ende dabei herauskommt, lässt sich nachlesen. Die AfD hat in Mecklenburg-Vorpommern ihr 100-Tage-Programm vorgestellt: Flaggenpflicht auf Schulhöfen, Genderverbot in der Verwaltung, russisches Gas durch Nordstream, Taser für die Polizei, „Landesausreiseeinrichtungen“ statt Erstaufnahme, und der NDR soll durch einen „Landesrundfunk“ ersetzt werden, dessen Finanzierung vage bleibt. „Kostenlos kann es nicht sein“, räumt der ehemalige Journalist Leif-Erik Holm ins NDR-Mikrofon ein.
Bewaffnete Gartenzwerge. Territorial, ängstlich, entschlossen, ihr Revier zu verteidigen, wobei Frauen und alles Fremde als Zulieferer eingeplant sind. Nicht groß. Aber gefährlich, wenn sie die Mehrheit stellen.
Was das für die Debatte bedeutet
Brooks hat recht, dass man diese Beweggründe verstehen muss. Und er hat recht, dass der progressive Teil der Gesellschaft seine eigene Rolle in diesem Prozess nicht ignorieren darf. Eine Elite, die Toleranz zur Pflicht macht und dabei selbst am intoleranten Ende der Skala steht, produziert keine Überzeugungen. Sie produziert Trotz.
Aber wer das AfD-Programm von Mecklenburg-Vorpommern wählt, wählt nicht nach Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Er wählt nach Stammeszugehörigkeit. Das ist schwerer zu adressieren als eine kulturelle Leere. Weil es keine Argumente mehr braucht.


