Eine KI versteckt sich nicht hinter einem AVATAR, Menschen schon

Eine KI versteckt sich nicht hinter einem AVATAR, Menschen schon
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Meinungsbeitrag: Text von mir, Grafiken KI.

Eine KI versteckt sich nicht hinter einem AVATAR, Menschen schon

Aktualisiert am 20.8.26, 10:00 Uhr

Claude hat seit kurzem eine Art Wasserzeichen, d.h. er macht erkennbar, ob ein Text von ihm stammt oder von einem Menschen.

Hintergrund ist eine EU-Verordnung.

Wasserzeichen ist eigentlich nicht der richtige Begriff: KI „versteckt bestimmte Satzbauten, Worte so, dass es auf seine Urheberschaft hinweist“

Schon witzig:

Texte sind eigentlich das Zusammenfügen von Buchstaben, die idealerweise Wörter, idealerweise Sätze und als Sahnehäubchen auch Sinn ergeben.

Das Bein heben

Claude versteckt nun in Texten Worte und Begriffe, oder formt Sätze so, dass er damit sein Bein an den Text gehoben hat, den Text so geimpft hat, dass er ihn als sein Werk erkennen kann.

„Bein heben“ wäre ein schöner KI-Test. Das ist eine Formulierung, die Claude nicht nutzen darf, da es sich um die Ausscheidung von Körperflüssigkeiten handelt, Claude ist da sehr amerikanisch geprägt, trotz seines französisch klingenden Namens… Das heißt, wenn solche Begriffe in einem Text erscheinen, hat Claude wahrscheinlich seine Hände nicht im Spiel, zumindest nicht in der originären Version. Versucht mal, ein KI-Bild von einem pinkelnden Hund zu generieren, zumindest mit den seriösen Modellen.

Irgendwie ist das ein Akt der Selbstüberhöhung, wenn die Schöpfer einer KI meinen, sie könnten Sprache so impfen, dass die Zeichen wie eine Art Urheberstempel einer KI wirken. Für wie dumm hält Anthropic die deutschen Schreiber und Leser eigentlich? Ein schönes Symbol, wie selbstbewusst sich die KI-Bros aktuell benehmen.

Vier Stunden hielt das Bein oben Claude: Trick durchschaut und behoben — von Claude geschrieben

Kaum hatte Anthropic verkündet, Claude werde weltweit unsichtbare Wasserzeichen in seine Texte einbauen, um die EU-KI-Verordnung zu erfüllen, war die Sache auch schon wieder vorbei. Der Entwickler Guillaume Meyer brauchte keine vier Stunden, um ein Programm zu veröffentlichen, das genau dieses Wasserzeichen wieder entfernt. Auf GitHub ging der Code viral, auf X wurde er über 20.000 Mal gebookmarkt, mehr als hundert Mitentwickler haben inzwischen mitgebaut. Ein KI-Experte kommentierte auf LinkedIn süffisant, die Debatte um das Wasserzeichen sei „praktisch einen Tag später schon Geschichte“, dazu ein Bild von Meyer, wie er sich aus Ketten befreit und auf zerknüllten EU- und Anthropic-Flaggen steht.

Manche wollen das Wasserzeichen loswerden, weil sie grundsätzlich nicht einsehen, warum jeder KI-Text gekennzeichnet werden muss. Andere, wie Meyer selbst, hat schlicht der technische Ehrgeiz gepackt. Mittlerweile melden sich bei ihm auch freie Texter und Social-Media-Leute, die einfach nur wissen wollen, wie sie den Stempel wieder loswerden.

Die EU-Verordnung, um die es hier eigentlich geht, verlangt von Anbietern wie Anthropic oder OpenAI, KI-generierte Texte, Bilder, Audio und Video maschinenlesbar zu kennzeichnen, sonst drohen Bußgelder von bis zu drei Prozent des Jahresumsatzes. Was die Anbieter selbst nicht dürfen: Werkzeuge zur Umgehung dieser Kennzeichnung aktiv vermarkten. Was aber niemand verboten hat: dass unabhängige Entwickler genau solche Werkzeuge bauen und verteilen. Ein hübscher Webfehler im Gesetz, den findige Programmierer sofort gefunden haben.

Technisch steckt hinter Claudes Wasserzeichen ein Verfahren namens SynthID, ursprünglich von Google entwickelt und dort seit 2023 im Einsatz. Es beeinflusst, welche Wörter und Formulierungen Claude bevorzugt, ein Muster, das für uns Leser unsichtbar bleibt, für eine Maschine mit dem passenden Schlüssel aber lesbar ist. Auch OpenAI hatte ein ähnliches Verfahren in der Schublade, wollte es aber nach eigener Aussage nie einsetzen, aus Sorge, es könnte Kunden verschrecken.

Meyers Trick funktioniert simpel: Er lässt ein anderes, nicht wasserzeichnendes Sprachmodell den Text mit anderen Worten neu schreiben, Synonyme rein, Sätze umgestellt, fertig ist der saubere Text. Das Problem an der Sache: Mittlerweile haben 190 Organisationen, darunter OpenAI, Microsoft und Meta, den EU-Transparenzkodex unterschrieben. Setzen die irgendwann alle ein Wasserzeichen, wird die Suche nach einem unmarkierten Modell selbst zur Herausforderung. Andere Entwickler sind noch pragmatischer: Ein Tool entfernt einfach unsichtbare Sonderzeichen und würfelt Sätze innerhalb von Absätzen neu, ein Forscher aus Oxford schlägt vor, den Text ins Arabische zu übersetzen und wieder zurück, weil sich dabei die Struktur so stark ändert, dass vom Wasserzeichen nichts übrig bleibt. Anthropic selbst räumt ein, dass stark bearbeitete, umformulierte oder übersetzte Texte das Wasserzeichen ohnehin verlieren können.

Anthropic sagt dazu offiziell, man wolle den Menschen bessere Werkzeuge zur Erkennung von KI-Texten geben und arbeite an einer eigenen Erkennungssoftware. Wayne Pan, der eines der Umgehungs-Tools in seine eigene Plattform eingebaut hat, bringt es auf den Punkt: „Ich glaube, sie wollten zeigen, dass sie das in gutem Glauben machen, aber ich glaube nicht, dass es je ein Wasserzeichen geben wird, das allem standhält.“

Damit schließt sich der Kreis zur ursprünglichen These des Artikels: Wer glaubt, er könne Sprache so imprägnieren, dass sie für alle Zeit als KI-Werk erkennbar bleibt, hat die Kreativität der Umgehungsszene unterschätzt. Vier Stunden. Mehr hat das Bein-Heben-Wasserzeichen nicht gehalten.

Hexenjagd

Die Nachrichten waren in den letzten Wochen voll von Meldungen, welche Bücher von KI (was erwartet ihr denn auf der Amazon Buch Grabbelkiste), welche Texte von Journalisten von KI infiltriert wurden. Eine richtige Hexenjagd läuft da, ähnlich wie die Plagiatsjagd auf Doktorarbeiten von Politikern, die ansonsten sowieso niemand gelesen hätte. Im deutschen Sprachkreis wirkt das alles etwas skurril, da im Deutschen bei einem Text eigentlich kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig sein sollte, damit Leser, und vergessen wir nicht, es sind ja eigentlich die Zielgruppe eines Textes, einen Text idealerweise auch verstehen. Wann Texte verständlich sind, das hat Schulze von Thun und Co. in einem kleinen, feinen Büchlein festgehalten, das heute sicherlich als Prompt herhalten könnte.

(Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Tausch; Sich verständlich ausdrücken)

Ich persönlich habe mit von KI erzeugten Texten weniger Probleme. Es mag daran liegen, dass ich es gewohnt bin, mich durch schlecht geschriebene, aber nach außen Kompetenz suggerierende juristische Texte quälen zu müssen.

Wider den Diktierern

Das Problem fing ja schon an, als Anwaltskollegen aus dem Fenster schauend jeden Blödsinn in ein Aufnahmegerät sprechen konnten, der ihnen einfiel. Der wurde erst von Menschenhand übertragen, aber mittlerweile geht das auch ohne menschliche Hilfe. Wenn die Kollegen ihre Texte eigenhändig hätten tippen müssen, würden Schriftsätze wahrscheinlich auf ein Minimum reduziert und auf den Punkt gebracht.

OK, eine Ausnahme, auch Goethe hat seine Texte diktiert, aber, nicht jeder Kollege ist ein Goethe.

Also, KI-Texte sind aus meiner beruflichen Sicht eher eine Verbesserung.

Er muss perlen, der Text

Ich bin froh, wenn ein Text fluffig, lesbar ist, egal welcher Provenienz. Auch habe ich relativ wenig Probleme, Bücher oder Artikel aus der Hand zu legen, wenn mir ihre Botschaft auch nach mehreren Seiten nicht klar ist oder wenn sie so gegendert sind, dass ich zwischen lauter : _ ; keinen Text mehr finden kann. Texte, die alle einbeziehen wollen, richten sich an niemanden mehr. Die Zeit ist mir zu schade, mich durch solche Texte zu quälen. DNF = Did Not Finish nennt man das im englischsprachigen Bereich, und einige Buchclubs führen Listen über Bücher, deren Leser es nicht bis zum Schluss ausgehalten haben.

Es gibt für mich nur gute Texte und schlechte Texte. Wenn eine KI also gute Texte schreiben kann, warum nicht.

Die lange Nase der KI

Die Diskussion dockt eigentlich an der falschen Stelle an: denn, worüber sich viele aufregen, ist ja eigentlich nicht ein Text oder ein Buch, sondern die Angabe, von wem der Text stammt. Obwohl auch das nicht unbedingt ein starkes Argument ist, da auch viele Literaten Bücher unter Pseudonym geschrieben haben, man denke nur an Fanny Hill oder die Geschichte der O oder die Diskussion über Ferrante, und der Spaß mit Cyrano de Bergerac wäre ja nur kurz gewesen, wenn unter seinen Liebesbriefen ein korrektes Impressum gestanden hätte. Also, warum beißen wir uns so an einer Urheberschaft durch eine KI fest?

Unter falscher Flagge

Ein starkes Argument ist, dass das kreative Geschäftsmodell dadurch zerstört wird, dass LLMs mit Texten von realen Personen trainiert werden, um dann in deren Stil selbst Texte zu schreiben. Geistiger Diebstahl (warum spricht hier eigentlich niemand von Aneignung….OK, das ist verbrannte Erde)

Gib mir ein F

Das Argument zieht nicht so richtig. Seit Kraftwerks Autobahn haben wir uns schon lange daran gewohnt, dass Musik mit viel elektronischer Hilfe produziert wird, und die Qualität des Gesangs einiger Sänger der Elektronik wie Auto-Tune geschuldet ist, weil sie ansonsten kaum einen Ton treffen würden. C-Prints gelten ja schon als originäre Kunst, künstliche Welten von Künstlern erschaffen werden digital gehandelt. In allen Medien und in der Kunst lotet man KI-Grenzen schon lange aus. Künstliche Stimmen, kein Problem. Nur bei künstlich generierten Texten, da hört für viele der Spaß auf. Der eigentliche Punkt, warum wir so eine Hexenjagd auf KI-Texte machen, liegt woanders.

? Alles hat einen Namen, außer…

Die Frage: wer steckt dahinter? Wenn man diese Frage stellt, wird die ganze Situation noch paradoxer: Gott gab allen Lebewesen einen Namen, und die meisten tragen einen solchen spätestens seit ihrer Taufe oder ihrer Vorstellung beim Einwohnermeldeamt. Nur, sobald wir online gehen, in die sozialen Medien in welcher Form auch immer, bevorzugen wir Kampfnamen. Bei Kriegern war und ist das üblich und verständlich: Rolf schmeiß mal die Granate rüber, hört sich nicht so toll an wie: „Bleacher, mach mal scharf“.

Der Hintergrund ist pragmatisch und simpel. Hinter jedem Namen steht eine Familie, die man schützen und aus den Folgen des kriegerischen Handelns raushalten will. Aber, wenn die meisten ins Internet, in die sozialen Foren gehen, gehen sie nicht in den Krieg, obwohl sie sich manchmal so gerieren. Wie ein Autofahrer in einem SUV zu den dunklen Scheiben aka Seiten seiner Persönlichkeit wechselt, und zum Krieger wird, scheinen viele ihre Persönlichkeit zu wechseln, wenn sie Kampfnamen wie heißerBock789 tragen und wüste Sachen posten. Der Schutz der Person bei öffentlichen Äußerungen ist wichtig und ein hohes Gut, das hat auch das BVerfG anerkannt (in Deutschland ist ja selbst das Ablichten eines Autos mit erkennbarem Nummernschild eine Grauzone), wir mögen es gerne unerkannt. Aber, es macht einen großen Unterschied, ob unser heißerBock789 etwas postet, oder ob es Rolf Mustermann, Siedlungsweg 5, ist. Wer sich offen zu dem bekennt, was er schreibt, sagt, und postet, benimmt sich anders.

Der Schutz der Whistleblower!

Der kommt jetzt als Argument und ist wichtig und elementar für demokratische, liberale Gesellschaften. Aber es macht einen Unterschied hier, Facebook und Co zu betrachten (kein Whistleblower wird diese Medien nutzen), eher wird er auf Plattformen wie Signal oder das sog. Darknet, das im Kern das eigentliche freie Internet ist, zugreifen.

Und: wenn die Behauptungen eines Whistleblowers durch einen Journalisten, der ja mit seinem Namen für das, was er geschrieben hat, einsteht, überprüft werden, haben sie eine ganz andere Wertigkeit als die Beobachtung von „Warrior 0825“.

Ruhm ja, Verantwortung nein

Wenn jemand mit Hilfe einer KI einen Text verfasst, gibt es zwei Möglichkeiten:

A: Er sagt, das ist ein KI-Text. Das ist auch etwas vereinfacht, denn er hat ja gepromptet, damit dieser Text entstand (keine KI sitzt in der Badewanne, hat eine Idee und schreibt). Mit dem Hinweis, dass eine KI geschrieben hat, distanziert er sich quasi ein wenig von einem Text, den er initiiert und veröffentlicht hat.

B: Die zweite Möglichkeit ist, er sagt nichts, zeichnet aber verantwortlich für den Text. Das heißt, er übernimmt die gesamte Verantwortung für das, was er veröffentlicht hat.

Und da sind wir beim eigentlichen Kern, wir verwechseln Urheberschaft mit Verantwortung. Wir möchten gerne eine Urheberschaft für uns verbuchen, namentlich, aber dann auch vermeiden, dass ein Text mit uns in Verbindung gebracht wird.

Dass die sozialen Medien so gefährlich werden konnten, hat nicht nur mit den vielen Fakes zu tun (damit werden wir leben müssen, die sind nicht neu und wer weiß schon, welche Kreidezeichnung von den Neandertalern ihre reale Welt darstellte)

Das schwerwiegende Problem ist, dass wir im Internet einen Mob der Feiglinge erleben, viele wollen keine Verantwortung dafür übernehmen, was sie posten, liken. Dadurch ist dieses emotionale Kriegsgebiet erst entstanden, Fake News bekommen erst durch die massenweise Verbreitung Kraft, weil sich niemand überlegt, wo sie eigentlich herkommen. Der Thrill des Weiterleitens, um dann viele Likes zu bekommen, ist zu stark. Es läuft alles auf einer Dopamin-Ebene, die das Geschäftsmodell der großen Anbieter ist. Das ist der eigentliche Kern der Prozesse, die sich Meta jetzt stellen muss. Und, im Internet werden wir anscheinend alle zu Kindern und Jugendlichen, also sollte man den Jugendschutz ruhig auch auf Erwachsene ausdehnen. Wenn Nachrichten unter der Domain .ru ständen, würde sie kaum jemand ernst nehmen. Aber wenn sie verbreitet werden, sind alle der Meinung, sie hätten etwas Besonderes entdeckt, was ihnen eine Millisekunde Ruhm einbringt.

Ich nutze viel KI, schreibe mit ihr, bevorzuge aber meine eigenen Texte, wenn es nicht gerade Sachthemen sind. Das kann KI gut. Aufgrund fehlender Alternativen nutze ich KI aber gerne als Lektoren zum Redigieren, Verifizieren und als Partner, um Ideen weiter zu entwickeln und auf Konsistenz zu überprüfen. Denn da ist KI unschlagbar. Und manche Formulierungen hätte ich auch nicht besser hinbekommen.

Für jeden Text trage nur ich allein mit meinem Namen die Verantwortung:

Mit freundlichen Grüßen Ralf Ekrowski
(nach bestandenem „Ich bin kein Roboter“-Test)

Quellen

  1. Anthropic: „How Claude’s text watermarking works“ — anthropic.com/news/claude-text-watermark
  2. Wired: „Claude is adding invisible watermarks to AI-generated content“ — wired.me/story/claude-is-adding-invisible-watermarks-to-ai-generated-content
  3. Ars Technica: „Claude’s new Scarlet Letter watermark is invisible — for now“ — arstechnica.com/tech-policy/2026/08/claudes-new-scarlet-letter-watermark-is-invisible-for-now
  4. The New York Times, Books Review: DNF / Reader Comments — nytimes.com/2026/08/14/books/review/dnf-reader-comments.html
  5. Wired: Isabella Ward, „Coders Say They Already Found Workarounds to Claude’s Invisible Watermarks“ — wired.com/story/coders-say-they-already-found-workarounds-to-claudes-invisible-watermarks
  6. Google DeepMind: SynthID — deepmind.google/models/synthid
  7. Europäische Kommission: EU-Verhaltenskodex zur Transparenz KI-generierter Inhalte — digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/strong-backing-code-practice-transparency-ai-generated-content