Macht Schulen zu Clubs!

Macht Schulen zu Clubs!

Der Text stammt vom Autor. Die aufklappbaren Erläuterungen sowie die Illustrationen wurden mit KI (Claude) erstellt. Dieser Beitrag ist ein laufendes Projekt und wird derzeit weiterentwickelt. Stand: 9. August 2026.

Ein Klassenraum, umgebaut zu einem Club
Ein Klassenraum, umgebaut zu einem Club

Gebaut, aber wirkungslos: der Denkfehler

Die Politik feiert sich in Bremerhaven gerne dafür, dass sie Kitas und Schulen baut, etwas für die Jugend tut. Gleichzeitig erleben wir eine Zeit, in der sich Jugendliche in Internetblasen zurückziehen und offener für rechtes Gedankengut sind, als viele sich eingestehen wollen. Wir behandeln das wie zwei getrennte Welten: auf der einen Seite Kita und Schule – jeder Jugendliche soll eine Chance auf einen Schulabschluss bekommen, einen Job finden. Aber warum haben wir dann eine so hohe Rate an Schulabbrechern und Jugendlichen ohne Abschluss in Bremerhaven?

Im Podcast „Friedrichs Flaschenpost“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (August 2026) spricht Bremens Bildungssenator Mark Rackles bemerkenswert offen: hohe Schulabbrecherquote, über die Hälfte der Grundschulkinder mit Sprachdefiziten, Kinderarmut als zentraler Faktor. Auf die Frage, ob er sich in einer perfekten Welt eher kleinere Klassen oder mehr Ganztagsangebote wünschen würde, antwortet er ohne Zögern: mehr Ganztag. Vereine kommen im ganzen Gespräch nur einmal vor – nicht als eigener Freiraum, sondern als Kanal, über den die Behörde Eltern mit Medienpädagogik erreichen will. „Armutssensible Pädagogik“ bleibt zusätzliches Personal innerhalb der Schule, nie weniger Institution. Der Gedanke, dass Schule durch ihre eigene Ausdehnung genau den Raum verdrängen könnte, den sie kompensieren soll, taucht in vierzig Minuten kein einziges Mal auf. Vielleicht, weil ein Bildungssenator per Amtsverständnis nur ein Werkzeug kennt: mehr Schule – und die Frage, ob genau das ein Teil des Problems ist, gehört nicht zu seinem Aufgabenbereich.

Die Swimmer’s-Body-Illusion ist ein Denkfehler: kurz gesagt, die Körper von Schwimmern sehen nicht so gut aus, weil sie so viel und so gut schwimmen – sie können so gut schwimmen, weil ihre Körper schon so sind. Wir verwechseln Ursache und Wirkung.

Schule ist in diesem Denkfehler der Versuch, durch Training einen Schwimmerkörper zu bekommen. Sie ignoriert dabei die Grundlagen, die jeder Schüler in der Realität schon vorfindet oder mitbekommt, und die nur innerhalb der Realität beeinflusst werden können.

Ein Denkfehler, der Selektion mit Wirkung verwechselt: Wir sehen durchtrainierte Körper bei Spitzenschwimmern und schließen, das Schwimmen habe sie geformt. Tatsächlich ist es meist umgekehrt — wer schon die passende Statur mitbringt, wird eher Spitzenschwimmer. Übertragen auf Bildung: Wir sehen, dass Kinder aus bildungsnahen, stabilen Verhältnissen in der Schule erfolgreich sind, und schließen, die Schule mache den Erfolg. Der Coleman Report (1966) zeigte im Auftrag der US-Regierung das Gegenteil: Der stärkste Prädiktor für Schulerfolg ist der familiäre Hintergrund, nicht die Schule selbst. Schulbau kann helfen — er ersetzt aber nicht, was fehlt, wenn die Startbedingungen fehlen.

Bei ….. ach, lassen wir das. Was ich eigentlich sagen will, lässt sich besser an Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn erklären.

Die offiziell vorherrschenden pädagogischen Leitkonzepte seit 1960 im Überblick:

  • 1960er – Bildungskatastrophe (Picht-Schock)
  • 1970er – Antiautoritäre Erziehung
  • 1980er – Empirische Wende
  • 1990er – Konstruktivismus
  • 2000/01 – PISA-Schock
  • 2003/04 – Kompetenzorientierung
  • Ab 2009 – Inklusion und Digitalisierung
  • Seit 2022 – Rückkehr zu Grundfertigkeiten

Bis zur Jahrtausendwende wechselte das dominante Paradigma etwa alle zehn Jahre, seit dem PISA-Schock hat sich der Takt spürbar beschleunigt. Wer die eigene Ausbildung in den 1970er- oder 1980er-Jahren durchlaufen hat, erinnert sich oft an ein noch höheres Tempo als diese Liste zeigt — weil hier nur dokumentiert ist, wann ein Konzept so dominant wurde, dass es in Lehrpläne oder KMK-Beschlüsse einging, nicht wie viele konkurrierende Strömungen in der Ausbildung selbst dazwischen kamen und wieder verschwanden.

Was Twain und Lindgren über Freiräume wussten

Toms unbestrichener Gartenzaun
Toms unbestrichener Gartenzaun

Die Geschichten dürften bekannt sein – aber was hätte Mark Twain wohl geschrieben, wenn Tom und Huck von Kita-Tagen an unter Ganztagsbetreuung gestanden hätten? Das Buch wäre ziemlich kurz geworden. Twain hätte es wahrscheinlich gar nicht erst geschrieben.

Nein, Schule ist ein Bestandteil der Entwicklung junger Menschen, sie vermittelt die Werkzeuge – oder sollte es zumindest –, um die Welt zu verstehen und in ihr zu leben. Sie ist die Landkarte. Den Weg finden müssen Jugendliche schon selbst.

Eine Landkarte kann man nicht durch Zusehen lesen lernen. Man muss losgehen, sich verlaufen, falsche Abzweigungen nehmen – und das geht nur dort, wo man selbst entscheidet, wohin, und selbst trägt, was daraus folgt. Eine Schule, die diesen Weg mitgehen will, hört auf, ihn zu zeigen, und fängt an, ihn vorzuschreiben. Deshalb braucht es den Club neben der Schule, nicht als Ersatz, sondern als den einzigen Ort, an dem echtes Risiko, echte Wahl und echte Konsequenz noch stattfinden dürfen.

Zwei Theorien stützen das. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse für gesunde Entwicklung: Autonomie, Kompetenz, Zugehörigkeit. Schule kann Kompetenz vermitteln und, wenn sie gut ist, Zugehörigkeit – Autonomie kann sie strukturell nicht liefern, weil sie Pflicht ist. Ein Verein ist dagegen freiwillig gewählt und kann jederzeit verlassen werden.

Nassim Talebs Konzept der Antifragilität liefert den zweiten Baustein: Ein System wird nicht durch Schutz vor Störung stark, sondern durch kontrollierte Konfrontation mit ihr – Muskeln durch Belastung, Immunsystem durch Erreger, Kinder durch echtes, nicht simuliertes Risiko. Der Psychologe Peter Gray (Boston College) hat dazu gezeigt, dass der Rückgang von unbeaufsichtigtem, risikobehaftetem Spiel mit dem Anstieg von Angststörungen bei Jugendlichen korreliert – nicht weil Risiko schädlich ist, sondern weil sein Fehlen die Fähigkeit verkümmern lässt, mit Angst, Fehlern und Rückschlägen umzugehen.

Ob Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Jim Knopfs Begegnung mit Frau Mahlzahn – alle diese Geschichten erzählen, wie junge Menschen ihre Kompetenz außerhalb eines kuratierten Raums wie der Schule entwickeln.

Die Freiräume, die verschwunden sind

Schulgebäude neben einem menschenleeren, aber mit Sportgeräten überfüllten Platz
Schulgebäude neben einem menschenleeren, aber mit Sportgeräten überfüllten Platz

Wir haben jungen Menschen ihre Freiräume genommen. Viele haben kaum noch Zeit, sich in Vereinen den Tätigkeiten zu widmen, die sie eigentlich ausüben wollen, ohne ihr schulisches Engagement zu gefährden.

Die MedikuS-Studie 2013 fand eine Vereinssport-Quote von 60,9 % bei Halbtags- gegenüber 50,3 % bei Ganztagsschülern; andere Studien zeigen geringere, uneinheitliche Effekte. Robuster belegt ist der Rückgang bei leistungsorientiertem Vereinssport, den der Deutsche Olympische Sportbund seit Jahren beklagt. An Hochschulen läuft dieselbe Debatte unter dem Stichwort „Verschulung des Studiums“: feste Stundenpläne, Anwesenheitspflicht und Prüfungsdichte seit der Bologna-Reform gelten als Ursache für weniger Zeit für Nebenengagement, Jobs oder politische Betätigung — allerdings ist auch das umstritten, manche Auswertungen (etwa vom INSM-Bildungsmonitor) widersprechen dem Ausmaß der Kritik.

Wem alle Wege vorgegeben werden, wer nie Zeit hat, Fehler im realen Leben zu begehen, sich in Opposition zu setzen, aufzulehnen, ist anfällig für diejenigen, die ihm diese Möglichkeiten verschaffen wollen.

Die Rattenfänger: TikTok und die Rechten

Aber Tom Sawyer hat immer einen Weg gefunden, sich der Fuchtel von Tante Polly zu entziehen, die es eigentlich gut mit ihm meinte. Auch die jungen Menschen von heute haben diesen Weg gefunden – er führte sie nur direkt in die Hände von Rattenfängern wie TikTok oder den Rechten, die eine schnelle Flucht aus dem Schulalltag und vorgezeichneten Lebenswegen versprechen und sich als „Alternative“ anbieten.

Und genau hier trifft die Schultheorie auf die Realität der Schüler – und versagt. Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern starten im Schnitt früher mit sozialen Medien als Kinder aus Akademikerfamilien. Sie verlieren dadurch zusätzlich zu allem anderen noch einmal ein halbes Schuljahr an Lernfortschritt. Schule soll ausgleichen, was das Elternhaus nicht mitgibt. Tatsächlich vertieft sich der Abstand am schnellsten genau dort, wo er ohnehin schon am größten ist – dieselbe Swimmer’s-Body-Illusion, nur ein zweites Mal, diesmal mit Handydisplay statt Klassenzimmer.

Eine im August 2026 in „Nature Human Behaviour“ veröffentlichte Studie von Marco Gui (Universität Mailand-Bicocca) untersuchte über acht Jahre gut 5.200 norditalienische Schüler. Ergebnis: Je früher der Einstieg in soziale Medien, desto schlechter die späteren Noten – wer schon in der sechsten Klasse startete, lag in der zehnten Klasse in Mathematik und Italienisch etwa ein halbes Schuljahr hinter Gleichaltrigen zurück, die erst mit 15 oder 16 begannen. Die Forscher kontrollierten dabei gezielt für Elternbildung und Familiensituation, um den reinen Effekt der Mediennutzung zu isolieren. Auffällig: Nur Englisch litt nicht – vermutlich, weil ein Großteil der Online-Inhalte ohnehin englischsprachig ist. Berichtet von Piotr Heller in der F.A.Z. vom 9. August 2026.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat mit dem Bildungsforscher Klaus Hurrelmann bereits 2019 den wohl wichtigsten strukturellen Grund benannt: Es ist weniger Ideologie als Vakuum. AfD und Grüne sind bei jungen Wählern erfolgreich, weil beide als „Bewegungsparteien“ mit klaren Themen und moderner, schneller Kommunikation auftreten, während CDU und SPD als bürokratische Großorganisationen ohne erkennbare Bewegungskomponente wahrgenommen werden. Beunruhigend: Das nationalsozialistisch-autoritäre Element der AfD schreckt laut Hurrelmann einen großen Teil der jungen Wählerschaft nicht ab, sondern wird bewusst in Kauf genommen. Zur Einordnung: Bei den Landtagswahlen 2024 in Sachsen, Brandenburg und Thüringen lag die AfD bei unter 30-Jährigen bei 29 bis 38 Prozent — bei der Bundestagswahl 2025 lagen 18- bis 24-Jährige bundesweit dagegen leicht unter dem AfD-Durchschnitt. Der Trend ist real, aber regional sehr ungleich verteilt (Ostdeutschland, junge Männer) und kein bundesweit gleichmäßiges Phänomen.

Jugendliche versammelt um ein Rednerpult, über der Menge geht ein Sonnensymbol auf
Über der Menge geht ein Sonnensymbol auf

Finnland und die Fake News

Durch eine immer engmaschiger werdende Bildungslandschaft haben wir junge Menschen direkt in die Arme von Menschenfängern getrieben – und feiern uns auch noch dafür.

Dass es anders geht, zeigt ausgerechnet ein Land, das die Gefahr sehr genau kennt: Finnland unterrichtet seine Jugend seit Jahrzehnten darin, Fakes und Manipulation zu erkennen – nicht als Sonderprogramm für Gefährdete, sondern als Fach für alle.

Finnland unterrichtet Medienkompetenz seit den 1950er-Jahren, ursprünglich als Reaktion auf sowjetische Propaganda im Kalten Krieg, heute erweitert um KI-generierte Deepfakes. Der Ansatz ist kein Extra-Fach für „gefährdete“ Gruppen, sondern universell und alltagsnah: Elfjährige erzeugen selbst KI-Bilder, um zu erleben, wie leicht sich Realität verbiegen lässt; ältere Schüler bewerten in Quiz-Formaten, ob Fotos echt sind — mit dem Ziel, ihnen zu zeigen, dass sie es zunehmend nicht mehr unterscheiden können. Offiziell gilt Medienkompetenz als nationale Sicherheitsfrage, gleichrangig neben Wehrpflicht und Zivilschutz: Bürger, die sich auf dieselben Fakten verlassen können, sind schwerer zu spalten.

Studien

  • Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB): Stellungnahmen zu Ganztagsschule und Vereinssport
  • INSM-Bildungsmonitor zur „Verschulung des Studiums“

Literatur (deutsche Ausgaben)

  • Mark Twain: Die Abenteuer des Tom Sawyer; Die Abenteuer des Huckleberry Finn
  • Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf; Michel aus Lönneberga
  • Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer; Momo
  • Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

Rechtsprechung und Politik

  • US Supreme Court: Wisconsin v. Yoder, 1972
  • Astrid Lindgren: „Pomperipossa in Monismanien“, Expressen, 1976
  • Astrid Lindgren: Rede „Niemals Gewalt!“, Frankfurter Paulskirche, 1978
  • Schweden: Gesetz gegen körperliche Züchtigung von Kindern, 1979

Presse und aktuelle Daten

  • Mark Rackles (Bremer Bildungssenator) im Gespräch mit Christine Strotmann, Podcast „Friedrichs Flaschenpost„, Friedrich-Ebert-Stiftung, Folge 97, August 2026
  • Marco Gui u. a.: Studie zu frühem Social-Media-Zugang und Schulleistung, Nature Human Behaviour, 2026; berichtet von Piotr Heller in der F.A.Z. vom 9. August 2026
  • Klaus Hurrelmann im Interview mit der Friedrich-Naumann-Stiftung, 2019
  • Wahlergebnisse der AfD bei unter 30-Jährigen, Landtagswahlen Sachsen/Brandenburg/Thüringen 2024 und Bundestagswahl 2025
KI-Takeaway
  • Schulen und Kitas werden gebaut, aber die Abbrecherquote bleibt hoch – die Swimmer’s-Body-Illusion verwechselt Ursache und Wirkung: nicht fehlende Gebäude, sondern fehlende Startchancen sind das Problem.
  • Enge Zeitpläne nehmen jungen Menschen den Raum für eigene Erfahrungen, Fehler und Vereinsleben – genau den Raum, in dem laut Twain, Lindgren und Ende Kompetenz jenseits der Schule entsteht.
  • In diese Lücke stoßen TikTok und rechte Bewegungen, die schnelle Auswege aus vorgezeichneten Lebenswegen versprechen.
  • Schule bleibt wichtig – als Landkarte. Den Weg finden müssen Jugendliche selbst, mit echtem Risiko und echter Wahlfreiheit, die eine Pflichtinstitution strukturell nicht bieten kann.
  • Finnland zeigt einen Gegenentwurf: Medienkompetenz als Pflichtfach für alle, nicht als Sonderprogramm für vermeintlich Gefährdete.