
KI und Taylor Swift
— ein Essay in gelb, grün und violett —habla horem
KI und Text, Belletristik und Journalistik, das ist der große Aufreger. KI soll feststellen, was KI geschrieben hat. Wer ertappt wird, muss mit dem Ende seiner Karriere rechnen. Im Journalismus werden Ehrenerklärungen abgegeben, alles handgeschrieben, und in der Belletristik werden wohl viele an ihren Texten sitzen und überlegen, wie sie ihre KI-Schnipsel umschreiben, damit sie nicht wie KI-Schnipsel aussehen, obwohl sie gut sind. Tja, das ist ja das Blöde dabei: Claude und Chat können mittlerweile gut texten, etwas blumig und umständlich, aber schwer von schlechten Schreibstilen zu unterscheiden, weil auch Menschen schlecht schreiben können.
Der Atlantic widmete Jamir Nazir einen Beitrag, dessen Roman in KI-Verdacht geriet. Sein Roman, verkauft als reine Erinnerung an sein Dorf, seine Bäckerei, sein eigenes Leben, geriet unter Verdacht, weil die Sätze selbst ihn verrieten: Bilder wie hingelegt, „smiled like sunrise over a sink“, zu poliert für eine Erinnerung, zu sehr Antwort auf einen Auftrag. Ob nun Mensch oder Maschine geschrieben hat, war am Ende gar nicht mehr beweisbar. Genau das ist die eigentliche Erschütterung: Es bleibt Glaubensfrage.
Im Journalismus ist es mittlerweile zur Existenzfrage geworden. Stephan-Andreas Casdorff, langjähriger, mittlerweile ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegel, ließ Meinungsartikel von einer KI schreiben und wurde von seinen publizistischen Aufgaben entbunden. Die Zeitung erklärte danach brav, KI dürfe Werkzeug sein, aber niemals die „journalistische Urteilsbildung“, die „Gewichtung von Informationen“, die „analytische Einordnung“ oder die „sprachliche Gestaltung“ übernehmen. Klingt sauber, bis man fragt, wo das hinführen soll. Moritz Rinke hat das in der FAZ durchdekliniert, mit einer Goldfisch-Anekdote als Pointe: Stefan Aust fragt ChatGPT, ob Goldfische einen Teich klarer machen, bekommt „nein“, widerspricht, bekommt „ja“, beides mit derselben Überzeugungskraft vorgetragen.
„Ich nehme die KI nur für die Recherche“, sagt jeder, so wie man sagt, man trinke nur ein Gläschen Wein, wenn der Hausarzt fragt.
bambla ô falli
Was haben wir eigentlich für ein Problem? OK, die Jobs, die Ausbildung, die Zukunft der Kunst, ITler sehen besorgt in ihre berufliche Zukunft, Juristen und Steuerberater auch. Aber der Lackmustest ist, wieweit KI in Kultur eingreifen könnte, der Bereich, den wir mit Bewusstsein, mit Seele, mit Gefühl verbinden. Unser Homerun!
blago bung
Sebastian Smee schrieb kürzlich im Atlantic über Duchamp, der gerade wieder groß im MoMA läuft, der Erfinder der Readymades, deren Erfindung zeitlich mit dem Dadaismus zusammenfiel, dessen New Yorker Ableger er mit Picabia und Man Ray prägte. Dada-Texte scheinen kaum von Menschenhand erschaffen, sie sehen aus, als hätte sich eine Sprachmaschine mit Festplattenfehler damit beschäftigt. Duchamp erhob Alltagsgegenstände zur Kunst, lange bevor Tomatendosen-Grafik in Studentenzimmern hing. Damals eine große Sache, heute keinen Aufreger mehr wert.
Ist das Kunst? Ja! Ich finde es klasse, und ja, es ist eigentlich der Inbegriff dessen, was Kunst ausmacht. Aber das ist ein anderes Thema.
Wenn wir schon beim Handwerk sind: Die Dadaisten in Zürich, mit denen Duchamp zeitgleich, wenn auch von New York aus, verbunden war, sind noch einen Schritt weiter gegangen als Duchamp. Hugo Ball trug 1916 im Cabaret Voltaire sein Lautgedicht „Karawane“ vor, in einem selbstgebauten, steifen Kostüm aus Pappe, das ihn kaum bewegen ließ. Keine Grammatik, kein Reim, keine Bedeutung, reiner Klang. Sprach-Handwerk im engen Sinne ist das auf den ersten Blick nicht. Das ist im Grunde so regellos, wie eine Zufallsmaschine Silben aneinanderreihen würde. Trotzdem gilt der Abend als einer der Gründungsmomente der literarischen Moderne. Es sind nicht die Silben selbst, sondern da stand ein Mensch mitten im Ersten Weltkrieg, mitten in einer Zeit, in der Sprache für Propaganda und Kriegsrhetorik verheizt wurde, und zerstörte öffentlich genau diese Sprache. Der Bruch war die Aussage, nicht der Klang.
Mein Thema ist eher die Musik, und ich will auch nicht in die Diskussion einsteigen, ob Dylan seine Seele verkauft hat, als er eine elektrische Gitarre in die Hand nahm.
Ich überlege gerade, ob ich mir eine Drum Machine und einen kleinen Synthesizer zulegen soll. Ich loope gerne: Ich spiele eine kurze Sequenz, die wird dann automatisch immer wieder wiederholt, während ich etwas anderes dazu spiele. So stapel ich Klang über Klang, beziehungsweise mein Boss RS-300 Looper.
Früher, zu Mike-Oldfield-Zeiten, brauchte man dazu ein Mehrspurgerät wie eine Revox A77, und die Beatles haben es zusammen mit George Martin mit Sergeant Pepper zur Kunstform erhoben. Wohl eine der besten LPs aller Zeiten.
Aber sehen wir es mal anders. Techno wird weitestgehend von Maschinen gesteuert, oder zumindest haben sie einen großen Anteil an den Beats. Bei Techno ist die Wirkung das Ziel, das, was die Musik mit mir macht, wie ich anfange, den Rhythmus zu spüren, mich zu bewegen, zu tanzen. Das ist schon klasse. → Fremdwirkung
Oder nehmen wir Rap, in all seinen Formen. Die Grenze zwischen Musik und Sprechgesang, kaum noch als Gesang erkennbar, voll im Rhythmus aufgelöst. Rap, da erzählt jemand seine Geschichte wie der Märchenerzähler in der Karawanserei. Unsere Faszination für Geschichten ist so alt wie die Menschheit. Es ist wichtig, dass es seine eigene Geschichte ist, dass er sie erlebt hat. → Selbstoffenbarung
Und Taylor Swift. Sie hat geheiratet. Aber neben aller Nachrichten aus dem Boulevard, sie ist eine der bemerkenswertesten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie hat etwas erfunden, das es eigentlich schon lange gab, aber eben nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat ihr vor zwei Jahren einen großen Beitrag gewidmet. Was so richtig interessant ist an diesem Artikel? Er liest sich über weite Strecken fast wie eine Harmonielehre: Ihre liebste Akkordfolge ist I-V-vi-IV, dieselbe simple Kadenz, die schon „Let It Be“ oder „Don’t Stop Believin'“ trägt, in der Musikszene als „Axis Progression“ bekannt, weil eine Comedy-Band einmal vorführte, wie viele Welthits auf denselben vier Akkorden laufen. Dazu eine wiederkehrende Melodiefigur, der sogenannte „T-Drop“, der ständig denselben kleinen Sprung macht. Alles zusammen also musikalisch lange bekannt und genutzt. Formeln, die man in zehn Minuten erklären kann.
Und dann unterläuft sie diese ganze Debatte selbst, lange bevor sie irgendjemand geführt hat. Im Titelsong ihres Albums „The Tortured Poets Department“ erzählt sie, wie ihr Liebster seine Schreibmaschine bei ihr vergessen hat, und fragt sich im Stillen, wer heute überhaupt noch mit einer Schreibmaschine schreibt. Dann vergleicht sie die beiden spöttisch mit Dylan Thomas und Patti Smith, den Ikonen des leidenden, echten, mit Tinte und Whiskey geschriebenen Gedichts, nur um sich selbst sofort zu unterlaufen: keine tragischen Dichter, nur zwei moderne Idioten. Wer die eigene Kadenz-Formel so genau kennt und trotzdem einen Text schreiben kann, der die ganze Mythologie vom leidenden Genie in einem Nebensatz zerlegt, hat verstanden, was Selbstreferenz und Ironie leisten können, ganz ohne Deutungsseminar.
Was man Swift als Meisterschaft anrechnet, ist im Kern dasselbe, was man einer KI als Armut vorwirft: Baukasten, Formel, Wiederholung. Ein hyperspezifisches Detail, eine Schreibmaschine, ein Weitermachen-Mantra, dazu eine große, unbestimmte Gefühlsfläche, in die sich jeder hineinwerfen kann. Musikalische Baukästen.
Warum ist sie und ihre Musik so herausragend: Hinter der Musik steht ein überprüfbares Leben, Kanye 2009, der Mueller-Prozess, Scooter Braun, das sich Song für Song zurückverfolgen lässt. Die Formel wird durch die Rechnung legitimiert, die am Ende jemand bezahlt hat. Und genau das spürt man, fühlt man, wenn man ihre Musik hört. Bei ihr zahlt immer jemand am Schluss die Rechnung, und es ist immer klar, wer das ist. Eine KI kennt den Baukasten, die Formel der Musik, aber sie übernimmt nie die Rechnung, und das merkt man ihrer Musik an.
hollala
Eine einfache Kadenz ist nur ein Anker, der Aufmerksamkeit erzeugt für das, was eigentlich trägt: die Texte, die aus ihrem eigenen Erleben kommen. Taylor singt wie der Rapper aus eigener Erfahrung, bringt mit vielen Songs den Rhythmus in die Füße, schafft es aber, dass sich die Menschen bei ihrer Hochzeit auf den Straßen treffen, tanzen und sich freuen. → Die Musik schafft also ein Band zwischen ihrer persönlichen Geschichte und der Lebensrealität jedes Einzelnen, obwohl das Baumaterial dafür, die Kadenz, jeder haben kann, auch eine KI. Würden wir auf den Straßen tanzen, wenn Claude und Chat heiraten?
KIs können nicht aus eigenem Erleben schreiben. Aber sie können uns helfen, so wie mir eine Drum Machine hilft, den Rhythmus zu halten, oder wie Claude mir geholfen hat, die Gedankensplitter, die zu diesem Text führten, zu ordnen.
Und wer meint, er wisse, was Kunst und Literatur zu sein haben, der soll sich das Parteiprogramm der AfD anschauen. Oder wie Trump mit Kunst und Kultur umspringt, er hat sich ja an Taylor Swift versucht. Sobald wir Kunst und Kultur in den Käfig sperren, der vorschreibt, wie es zu sein hat, ist sie schon weg. Das war schon immer so.
KI zerstört nicht die Kunst. KI zerstört nicht die Kultur. Das schaffen nur Menschen, die meinen zu wissen, was Kunst und Kultur zu bedeuten haben.
Wir werden damit leben.
Punkt. Und Dada.Quellen
- The Atlantic: Beitrag zum Fall Jamir Nazir, Commonwealth Short Story Prize 2026
- Moritz Rinke: „Warum lassen wir zu, dass die KI uns verblödet?“, F.A.Z., 29.06.2026
- Deutschlandfunk: Stephan-Andreas Casdorff, Tagesspiegel, wegen KI-Nutzung beurlaubt
- Sebastian Smee: „Did Marcel Duchamp Ruin Art?“, The Atlantic, August 2026
- Hugo Ball: „Karawane“ (1916), gemeinfrei
- Jakob Biazza, Marlene Knobloch, David Steinitz: „Weltherrschaft, Taylor’s Version“, Süddeutsche Zeitung, 05.07.2024
- Ralf Ekrowski, Bluesky-Post zur Hochzeit von Taylor Swift, 04.07.2026
Die Struktur
— ein Vorschlag von Claude nach einem Brainstorm, von Ralf mehrfach umgebaut, bevor daraus der Text oben wurde —Teil 1 — KI als Killerargument
- Beobachtung: „Das hat KI geschrieben“ disqualifiziert bei Belletristik und Journalismus, nicht bei Tabellen oder Präsentationen.
- Fundstücke, nebeneinandergestellt statt gegeneinander ausgewertet: der Fall Jamir Nazir, der Fall Casdorff/Tagesspiegel, Rinkes Goldfisch-Anekdote.
Teil 2 — Die Drehfrage
- Warum genau diese Grenze? Ein Sachtext behauptet keine innere Notwendigkeit seines Urhebers. Belletristik, Journalismus, Kunst schon, ob zu Recht oder nicht.
- Keine geschlossene Antwort, keine These zum Festhalten — die Spannung bleibt stehen, der Leser zieht selbst den Schluss.
Teil 3 — Der musikalische und künstlerische Vergleich
- Techno — Wirkung ohne Echtheitsprüfung. → Fremdwirkung
- Rap — Selbstoffenbarung, von der Szene extern geprüft. → Selbstoffenbarung
- Taylor Swift — Selbstoffenbarung plus fortlaufende Rückkopplung. Formel und Kadenz sind trivial, austauschbar, von jedem kopierbar. Was bleibt, ist die Rechnung, die am Ende jemand bezahlt hat.
- Duchamp / Dada — Handwerk war nie das Kriterium. Was zählt, ist der Bruch, das Risiko, die Signatur, die einer trägt.
Karawane
jolifanto bambla ô falli bambla großiga m’pfa habla horem égiga goramen higo bloiko russula huju hollaka hollala anlogo bung blago bung blago bung bosso fataka ü üü ü schampa wulla wussa ólobo hej tatta gôrem eschige zunbada wulubu ssubudu uluw ssubudu tumba ba— umf kusagauma ba — umf
Hugo Ball, „Karawane“ (1916). Erstmals vorgetragen im Cabaret Voltaire, Zürich, in einem selbstgebauten, kubistischen Kostüm aus Pappe. Das Gedicht ist gemeinfrei (Hugo Ball, gest. 1927 — Schutzfrist von 70 Jahren p.m.a. seit 1998 abgelaufen). Text nach der Erstveröffentlichung, ohne moderne Rechtschreibkorrektur.