
Meinungsbeitrag
Wer mich kennt weiß, ich trage gerne Hut. Das Ziehen eines Hutes ist für mich eine Geste von Respekt.
Respekt führen ja oft die Leute im Mund, die eigentlich nur den Respekt vor dem Stärkeren meinen,
aber Respekt zolle ich denjenigen, von denen ich meine, dass sie die gleichen Werte teilen.
Ursprünglich war das Hutziehen ein rituelles Unterwerfungsgeständnis. Im Mittelalter entblößte man das Haupt vor dem Mächtigeren, um sich schutzlos zu zeigen, ein Eingeständnis der ungleichen Ränge. Wer oben stand, behielt den Hut auf, wer unten stand, musste ihn ziehen.
Erst im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Geste in einer demokratischer werdenden Gesellschaft zu einem Gruß unter Gleichen: Ich ziehe den Hut vor dir, weil ich dich und deine Würde respektiere.
Trump hat gezeigt Anstand und Respekt sind nicht immer notwendig,
wenn man nur auf Macht zielt.
1646, damals hätte es mich ins Gefängnis gebracht, wenn ich den Hut nicht vor bestimmten Männern gezogen hätte, so ist es John Lilburne ergangen, der Männern des House of Lords den Respekt verweigerte.
Aus der Zelle heraus schrieb er einen Satz, der radikaler war als alles, was die Ehrenwerten Herren an diesem Tag zu hören bekommen hätten:
dass jeder Mensch, der je geatmet hat, „by nature, all equal and alike in power, dignity, authority, and majesty“ sei.
Wir kennen dieses Prinzip aus vielen Verfassungen, auch aus dem Grundgesetz.
Aber wird es noch von allen akzeptiert?
Haltung
Die AfD wird fast ausschließlich als politisches Phänomen verstanden. Umfragewerte, Koalitionsfragen, Brandmauer, Aussicht auf eine Alleinregierung in Sachsen-Anhalt.
Diese formelle Sicht übersieht den Kern: manche Haltungen sind keine Politik, sie sind die Vorbedingung dafür, dass Politik überhaupt in einem zivilisierten Rahmen stattfinden kann.
Ob alle Menschen gleich viel wert sind, unabhängig von Herkunft, Religion, Ethnie, ist so eine Vorbedingung.
Das ist keine Verhandlungsmasse.
Testfrage:
„Wie hoch soll die Zuwanderung begrenzt werden?“
ist eine politische Frage. Man kann sie unterschiedlich beantworten, ohne dass eine Seite die Basis unseres Zusammenlebens verläßt.
„Gilt die Menschenwürde graduell, je nach Herkunft, oder nicht“
ist keine politische Frage mehr. Sie hat nur eine richtige Antwort.
Muster
Björn Höcke bezeichnete 2017 in Dresden das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“. Er wurde inzwischen zweifach rechtskräftig verurteilt, weil er die SA-Parole „Alles für Deutschland“ verwendete. Alexander Gauland ordnete 2018 die NS-Zeit als „Vogelschiss“ in tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte ein. Beides sind keine Politikpositionen. Es sind Aussagen darüber, wie viel bestimmte Tote und bestimmte Verbrechen zählen dürfen.
Neun Jahre nach der Dresdner Rede steht Höcke wieder auf einer Bühne, diesmal beim Bundesparteitag in Erfurt, am 4. Juli 2026. Diesmal nennt er sich nicht Geschichtslehrer, sondern Heiler. Kritiker der Partei seien „Seelenverwundete“, die AfD selbst müsse „einen Teil der Nation auf die Couch legen“. Am Ende ruft er, in der Halle seien „die Sieger der Geschichte versammelt“.
Der Parteitag fiel exakt auf den hundertsten Jahrestag des zweiten NSDAP-Reichsparteitags, 3. und 4. Juli 1926 in Weimar. Die Partei nennt das Zufall, organisatorische Gründe.
Wie sich das auf der Verwaltungsebene übersetzt, zeigt Baden-Württemberg 2019:
Dort verlangte die AfD als Oppositionspartei Auskunft über die Staatsangehörigkeit von Balletttänzern und Orchestermusikern. Kein Gesetzesvorschlag, keine Haushaltsdebatte, eine Anfrage nach Pässen. Das aktuelle Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt trägt im Kulturkapitel die Überschrift „Deutsch denken!“. Ballettdirektor Tarek Assam in Halberstadt, dessen Ensemble fünf Nationalitäten umfasst, beschreibt bereits jetzt, Monate vor der Wahl, „eine deutliche Verunsicherung“ unter seinen Tänzerinnen und Tänzern.
Auch das Klassenzimmer bleibt nicht verschont.
Dasselbe Wahlprogramm sieht die Abschaffung von Inklusionsklassen vor, Kinder mit Behinderung sollen wieder auf Förderschulen unterrichtet werden, dazu eine Aufweichung der Schulpflicht zugunsten von Heimunterricht. Gegenüber Lehrkräften fordert das Programm ein „strenges Neutralitätsgebot“. Marco Ladewig, Gymnasialleiter in Haldensleben, hält dagegen: Sein „Parteibuch ist das Grundgesetz“.
An seiner Schule lernen Schüler aus 34 Ortschaften, zehn Prozent mit Migrationsgeschichte, gemeinsam Streitkultur und den Umgang mit Andersartigkeit einzuüben. Genau das soll nach AfD-Programm aus den Schulen verschwinden.
Man könnte jeden dieser Fälle einzeln als Ausrutscher abtun, eine Rede, ein Zitat, eine Anfrage, ein Programmpunkt.
Aber 2025 wertete ein Team über drei Millionen Reden, Anträge und Social-Media-Beiträge der Partei aus, dreizehn Monate lang. Man muss aus diesem Material keine Rechtsfrage machen, um zu wissen, was man von einem Muster zu halten hat, das sich über neun Jahre und vier völlig verschiedene Institutionen, Gedenkstätte, Parteitag, Theater, Schule, konsequent wiederholt.
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat keinen Zweifel:
„Nach einem Jahr Prüfung ist unser Gutachten fertig: Die AfD ist nachweislich verfassungswidrig.“
Feigenblatt
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob man die AfD politisch ablehnt oder unterstützt.
Nach der Logik der AfD ist die Aussage über die Gleichwertigkeit von Menschen eine „Meinung, die man respektieren muss“.
Sie nutzt die Kategorie der Meinungsfreiheit, …..das wird man doch sagen müssen,
um die Kategorie der nicht verhandelbaren Menschenwürde zu verschleiern.
Darf man Politik als Feigenblatt benutzen, wenn eigentlich die Grundhaltung fehlt?
Pluralismus ist kein Freibrief, jede Position gegen ihn selbst in Stellung zu bringen.
Nicolas Richter schildert fast schon eine Anekdote in seinem Kommentar in der SZ, „Die Öffentlichkeit sollte sich von Weidel nicht täuschen lassen“: Ulrich Siegmund, der in Sachsen-Anhalt ab Herbst regieren könnte, verkaufte früher Raumdüfte.
Die Süddeutsche Zeitung beschreibt ihn als
„einen begnadeten Verkäufer, der seinem notorisch extremistischen Landesverband das Parfüm der Rechtsstaatlichkeit anlegen will“.
Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
Lilburne wusste alles schon 1646, als er den Hut nicht zog.
Sein Anliegen war kein politisches Programm.
Es war die Weigerung, Würde zur Verhandlungssache zu machen.
Ich ziehe meinen Hut nicht vor der AfD und Menschen, die sie unterstützen.
Quellen:
- theatlantic.com/ideas/2026/07/history-word-equal-rights-declaration/687777/
- sueddeutsche.de/politik/afd-parteitag-erfurt-weidel-chrupalla-li.3510364
- sueddeutsche.de/kultur/tanz-ostdeutschland-sachsen-anhalt-afd-li.3508045
- freiheitsrechte.org/
- deutschlandfunk.de/afd-bildungspolitik-sachsen-anhalt-schulen-wahlprogramm-100.html
- https://www.sueddeutsche.de/meinung/afd-erfurt-extremismus-weidel-kommentar-li.3509795


