Berlin 1967, Bremerhaven 2026: No Risk No Fun

Berlin, 1967.

In der Stuttgarter Straße 1 hat gerade eine Wohngemeinschaft der besonderen Art ihre Pforten geöffnet. Rainer Langhans, Uschi Obermaier und ihre Mitbewohner haben eine revolutionäre Erkenntnis:
Wenn alle wirklich wollen, braucht man keine Regeln. Kein Eigentum, keine Verträge, keine kleinbürgerliche Kontrolle stattdessen Vertrauen, Gemeinschaft und das bessere Miteinander als Geschäftsgrundlage.
Die Presse ist begeistert.
Die Idee ist neu. Das Experiment ist modern.

Es hat nicht lange gehalten.

Die Realität interessierte sich nicht für das Konzept. Die Partner verließen die Allianz. Das Gemeinschaftsgefühl erwies sich als weniger belastbar als erhofft. Und am Ende stand die bittere Erkenntnis, die eigentlich jeder Notar einem hätte vorher sagen können:
Wer auf den Vertrag verzichtet, weil er dem Geist vertraut, zahlt die Zeche, wenn der Geist sich verflüchtigt.

Bremerhaven, 2026.

Die Stadt wagt mit dem Projekt NOVO den nächsten großen Schritt diesmal nicht in eine WG in Schöneberg, sondern in die Integrierte Projektabwicklung, kurz IPA . Das Prinzip ist verblüffend ähnlich. Statt sich vor Gericht über Nachträge zu streiten, setzt man sich an einen Tisch.
Man nennt es „Best for Project“, man nennt es „neue Baukultur“ .
Aber eigentlich ist es ein Eheversprechen bei dem die Stadt Bremerhaven auf den Ehevertrag verzichtet hat. Sozusagen ein Versprechen bei dem wir die Zeche zahlen, bez. die nächsten Generationen.


Wer kontrolliert wen?

Ein Blick auf die Teilnehmerliste der Jurysitzung vom 29. Mai 2026 erklärt das Problem schnell.

In der sogenannten Gestaltungswerkstatt sitzen fast ausschließlich jene, die ein direktes Interesse am Gelingen der Allianz haben. Die IPA-Partner für Objektplanung, Tragwerk und Ausführung vollzählig vertreten. Der scheidende Oberbürgermeister Grantz, sein Nachfolger Günthner, die Fraktionsspitzen von SPD, CDU und FDP alle dabei.
Das Projekt ist politisch so massiv eingemauert, dass Kritik fast schon als Majestätsbeleidigung gilt.

Was fehlt:
das Rechnungsprüfungsamt.
Externe Baurechtsexperten.
Der Landesrechnungshof.
Stattdessen gibt es IPA-Coaching, um das richtige „Mindset“ zu fördern.

Das Ergebnis ist eine Echokammer. Wenn alle am Tisch das Projekt unbedingt wollen wer schlägt dann Alarm, wenn der Zielpreis durch versteckte Puffer nach oben getrieben wird ?

Fokus: Die Doppelrolle der Fachberatung

Ein kritischer Punkt in der Zusammensetzung des Gestaltungsgremiums ist die Personalie Julia Bergmann. Während die anderen Fachpreisrichter als externe Experten für Architektur und Baukultur hinzugezogen wurden, um eine neutrale Bewertung abzugeben, nimmt Bergmann eine Sonderstellung ein:

In der entscheidenden Sitzung am 29. Mai bewertet sie als stimmberechtigte Fachpreisrichterin, ob die baulichen Entwürfe ihre eigenen konzeptionellen Visionen korrekt umsetzen.

Konzept-Urheberin: Sie begleitete das NOVO-Projekt bereits in der frühen Entwicklungsphase als Expertin für „Dritte Orte“.

Vorgaben-Definition: In Workshops und durch die Erarbeitung des inhaltlichen Konzepts (z. B. für die Einbindung der Stadtbibliothek und des Jugendherbergswerks) hat sie maßgeblich die Kriterien definiert, nach denen nun entschieden wird.

Diese Konstellation unterscheidet sich deutlich von klassischen, unabhängigen Architekturwettbewerben:

  • Kontinuität vs. Distanz: Die Stadt setzt hier offenbar auf „Prozesswissen“. Bergmann soll sicherstellen, dass die im Vorfeld mühsam erarbeiteten Inhalte nicht durch rein ästhetische Bauentscheidungen verwässert werden.
  • Befangenheitsrisiko: Kritiker könnten anmerken, dass eine Prüferin, die das „Lastenheft“ selbst geschrieben hat, nicht mehr unvoreingenommen auf alternative Ansätze reagieren kann.
  • Abhängigkeit der Externen: Da die anderen Fachpreisrichter (aus Stuttgart oder München) nicht in die lokalen Vorarbeiten involviert waren , ist damit zu rechnen, dass Bergmanns Urteil als „Inhouse-Expertin“ ein besonders hohes Gewicht bei der gemeinsamen Stimmabgabe der sechs Fachpreise haben wird.

In der Jury sitzen elf Stimmen
Sechs davon kommen von den Fachpreisrichtern , zu denen auch jene Julia Bergmann gehört, die das inhaltliche Konzept erst entworfen hat. Die restlichen fünf Stimmen liegen bei der Stadtspitze und lokalen Akteuren.
Wo bleibt da der unabhängige Korrektiv-Blick von außen?
Stattdessen sind sogar die künftigen Bauherren der STÄWOG und die Wirtschaftsförderer der BIS als beratende Gäste im Raum.
Das Gremium kontrolliert sich im Grunde selbst.“

Die Statisten der Wissenschaft: Jugendparlament vs. Hochschule

Ein Blick auf die Stimmverteilung offenbart eine merkwürdige Hierarchie der Beteiligung:

  • Stimmberechtigte Entscheider: Das Jugendparlament Bremerhaven ist als Sachpreisrichter voll stimmberechtigt und verfügt über einen Teil der insgesamt fünf Sachpreisrichter-Stimmen. Sie sitzen direkt an den Schalthebeln der Gestaltung.
  • Die Zuschauerbank: Der AStA der Hochschule Bremerhaven, der Tausende junge Akademiker vertritt, die man so dringend in der Innenstadt halten will, ist zwar „dabei“, aber ohne jegliches Stimmrecht.

Das Paradoxon: Man wirbt damit, das NOVO als „Dritten Ort“ für die Wissenschaft und die junge Generation zu etablieren. Doch während die Schülervertreter mitabstimmen dürfen, werden die Studenten, die künftigen Fachkräfte und potenziellen Bewohner der Innenstadt, auf eine rein dekorative Zuschauerrolle im Gestaltungsgremium reduziert. Sie dürfen zusehen, wie andere über den Campus von morgen entscheiden.

Man könnte es tatsächlich als einen geschlossenen Zirkel bezeichnen, in dem das Risiko besteht, dass Kritik als Störfaktor empfunden wird. Das Ziel ist offenbar nicht die unabhängige Auswahl des besten Entwurfs aus einem freien Wettbewerb, sondern die Absicherung eines bereits politisch und konzeptionell festgelegten Weges.

Dieser Abschnitt verdeutlicht, dass das NOVO-Verfahren eher einem kooperativen Designprozess gleicht als einem herkömmlichen, distanzierten Wettbewerb.
Und das passt zum Prinzip Bremerhaven.


Ein Muster? NOVO und OB Wahl

Im NOVO „Verfahren“ erkennt man etwas Vertrautes.
Wir haben es gerade erst erlebt: Auch die Nachfolge im Amt des Oberbürgermeisters wurde faktisch in einem geschlossenen Koalitionszirkel entschieden, bevor der Posten überhaupt offiziell ausgeschrieben war.
Es gab 13 Bewerber, aber keine echte Wahl.
Das Ergebnis stand fest, bevor irgendjemand gefragt wurde.
Selbst eine Papstwahl gibt den Kandidaten bessere Chancen.

Das IPA-Verfahren beim NOVO folgt demselben Geist.
Während nach außen von Bürgerbeteiligung gesprochen wird, schaffen die Allianz-Partner Tatsachen die von der Öffentlichkeit weder kontrolliert noch korrigiert werden können.
8-Millionen-Euro-Planungen,
30-jährige Mietbindungen.
Am Ende zahlen die Menschen in der Stadt die Zeche für Entscheidungen, bei denen sie nur Zuschauer waren.

Die Stadt zahlt für die Fehler anderer

Der Kern der IPA ist der weitgehende Haftungsverzicht . In einem normalen Bauvertrag (VOB/B) haftet der Planer für seine Fehler. Bei der IPA werden Fehler, die vor der Abnahme entdeckt werden, aus dem gemeinsamen Budget bezahlt also letztlich von der Stadt, die über die STÄWOG das Budget stellt .

Für eine Stadt, die finanziell am Limit agiert, ist das ein hohes Risiko. Und was passiert, wenn ein Partner insolvent wird? In Deutschland gibt es kaum Erfahrungen mit dem Ausfall eines Partners in einem IPA-Mehrparteienvertrag . Man kennt seine Allianz-Partner, bis man sie nicht mehr kennt.
Ist so manchen auch in einer Ehe passiert.
Dann drohen Baustopps und Mehrkosten, die Bremerhaven mangels Ehevertrag allein tragen müsste .

Die Grauzone

Das IPA-Verfahren bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis. Das europäische Vergaberecht verbietet wesentliche Vertragsänderungen nach dem Zuschlag
(§ 132 GWB) . Wenn die Allianz in Phase 1 das Projekt massiv umplant, um die Kosten zu drücken, kanne eine unzulässige De-facto-Vergabe drohen mit der möglichen Folge, dass der gesamte Vertrag nichtig wird.
Und da Bremerhaven auf Fördermittel angewiesen ist: Vergabeverstöße führen regelmäßig zur Rückforderung von Millionen, inklusive Zinsen .
Für eine Kommune in Haushaltsnotlage wäre das der finanzielle GAU.

Nebenbei: IPA-Verfahren ziehen im Schnitt nur 2,8 Bieter pro Los an . Der klassische Mittelstand bleibt außen vor .

Die Kommunalaufsicht: Wer zieht die Reißleine?

Mit dem neuen Gesetz zur Ausführung der kommunalen Finanzaufsicht vom Dezember 2025 hat das Land Bremen seine Eingriffsrechte verschärft. Sollte das NOVO ins Stocken geraten oder die Kosten unkontrolliert steigen, kann der Senat Beschlüsse beanstanden oder per Ersatzvornahme selbst entscheiden auf Kosten Bremerhavens.

Fazit

Die Kommune 1 gibt es nicht mehr.

Bremerhaven braucht keine Allianz-Euphorie, sondern eine revisionssichere Dokumentation und eine unabhängige juristische Begleitung. Eine Stadt, die faktisch pleite ist, kann sich kein Eheversprechen ohne Ehevertrag leisten erst recht nicht, wenn sie das Haus, die Einrichtung und die Hochzeitsfeier allein bezahlt.

IPA wirkt oft wie der Versuch, das Baurecht zu überlisten, weil man seine unbequemen Regeln nicht erträgt. Statt Klarheit schafft man eine Haftungs- und Verantwortungswolke, in der am Ende genau das wieder passiert, was man angeblich vermeiden wollte: Streit, Kostenexplosion, Richterarbeit. Nur ist das Ganze dann durch eine vermeintlich innovative Sonderkonstruktion so vernebelt, dass die Aufarbeitung für alle Beteiligten noch schmerzhafter wird.

Die Berliner Kommunen haben gezeigt, wie schnell aus Utopie Realität wird und das Ende der Utopie.
IPA kann konten bauen, die morgen wieder ein Gericht entwirren muss.


Eine persönliche Anmerkung:
Novo Frust


Warum wehre  ich mich  so gegen das NOVO, jetzt mal abgesehen von den  finanziellen Auswirkungen auf Bremerhaven und abgesehen davon, dass es im Kern ein politisches Projekt ist, das in einer Blase entwickelt wurde.
Abgesehen davon, daß es irgendwann mal das steht und mir egal sein wird.

Was mich wirklich stört ist, dass das NOVO zeigt, wie die Akteure über Menschen denken, über die Menschen in Bremerhaven. Und wie sie sich aufschwingen zu wissen, was für die Menschen gut ist, was nicht. Diese Arroganz schreckt mich ab.
Wenn man es zusammenfasst ist die Idee:
eine Stadtbibliothek und eine Jugendherberge sollen die Atmosphäre der Stadt so ändern, daß sowohl Touristen als auch die Bremerhavener ihre Innenstadt wieder entdecken.

Sowiet so gut.
Was aber eigentlich dahintersteckt ist eine grundsätzliche Haltung gegenüber Menschen

 WIR wissen was für EUCH gut ist.

Diese Idee war in einer eher sanften Version schon ein Politikprinzip unter der Regierung Merkel: Nudging.

sanfte Stupser sollen Menschen in die richtige Richtung lenken, ohne sie zu zwingen.
Eigentlich eine Manipulationstechnik um Widerstand zu vermeiden.

Thaler und Sunstein haben dafür den Nobelpreis bekommen, Regierungen haben Nudging-Einheiten gegründet Stadtplaner haben es als Werkzeug entdeckt.
Das Problem: selbst die Erfinder dieses Ansatzes sind längst ernüchtert. Die Effekte sind kleiner als gedacht, kurzlebiger, abhängiger vom Kontext als vom Trigger. Der Mensch ist komplexer als das Modell.

Bremerhaven hält an dem Prinzip fest.

Das Grundproblem ist  einfach: 
Eine Stadt ist kein lineares System.
Wir lieben diese alten Städte, die in Jahrhunderten oft chaotisch gewachsen sind, menschlich eben, Hausgemeinschaften funktionieren nicht linear, Viertel nicht, eine Innenstadt erst recht nicht. 

Menschen reagieren nicht auf Trigger, sie leben, weichen aus, erfinden Umwege, verschwinden woanders hin, tauchen unerwartet auf.
Die Abkürzungen, die oft nicht den plattieren Wegen folgen.

Das einzige was man mit einiger Sicherheit sagen kann: man weiß nie, wie Menschen sich ihren Raum nehmen.
Man kann beobachten, anpassen, wieder beobachten. Mehr nicht.

Gute Stadtplanung weiß das. Sie ist demütig. Sie schafft Bedingungen und schaut, was passiert. Sie plant nicht das Verhalten der Menschen, sie plant den Rahmen,
gibt den Menschen Raum und lässt den Rest offen.
Es ist empathische Stadtplanung. Bremerhaven plant für die Planer, nicht für die Menschen.

Das ganze Dilemma kann man aktuell auch in der Welt der Sozialen Medien sehen, am sinkendem Stern von Facebook, einst das digitale Dorf.

Facebook hat denselben Fehler gemacht, den die Planer in Bremerhaven machen,  nur digital.
Den Feed optimiert, Verhalten modelliert, Trigger gesetzt. Solange keine anderen Player da waren, hat es funktioniert.
Dann kam TikTok und Co.
Das menschliche Verhalten hat sich verändert. Die Menschen wollten härteren Stoff.
Facebook hat das Modell verteidigt statt zu beobachten.
Das Ergebnis kennen wir.
Facebook wollte immer ein digitales Dorf sein, hat aber nie verstanden, wie ein Dorf funktioniert.

Das NOVO wird die Innenstadt nicht retten.
Die Idee ist nicht falsch, wirkt aber auf mich wie ein erhobener Zeigefinger.
Das Gebäude will ein Verhalten erzeugen, ist aber nur für eine kleine Gruppe der Bremerhavener eine echte Einladung, die anderen werden an der Schwelle verharren.
Es sollte  ein Angebot sein. Ob Menschen es annehmen, auf welche Art, mit welchen unvorhergesehenen Nebeneffekten, das entscheidet sich nicht am Reißbrett.

Städte die funktionieren, funktionieren weil sie beobachten und loslassen. 

Weil sie akzeptieren, dass das System klüger ist als der Plan.

Bremerhaven hat einen Plan. Das ist das Problem.


KI-Takeaway: Das „Projekt-Commune“ Fazit

Der Kernkonflikt: > Das NOVO-Projekt in Bremerhaven experimentiert mit der Integrierten Projektabwicklung (IPA) einer Methode, die auf radikales Vertrauen statt auf klassische Haftung setzt. Die Analyse der Teilnehmerliste entlarvt das Gremium jedoch als strukturelle Echokammer.

Die „Selbsthilfegruppe“-Dynamik: > * Befangenheit: Eine Jury, die aus eigenen Konzept-Urhebern (wie Julia Bergmann) und künftigen Nutzern besteht, bewertet sich im Grunde selbst.

* Kontrollverlust: Während die Politik das Projekt als „neue Baukultur“ feiert, fehlen externe Prüfinstanzen am Tisch.

Das Risiko: > Für eine finanziell angeschlagene Kommune ist dieses „Eheversprechen ohne Ehevertrag“ ein hochriskantes Spiel. Ohne klare Haftung bei Fehlern und bei einer Jury, die eher einer Selbsthilfegruppe für das Gelingen der Allianz gleicht, trägt am Ende der Steuerzahler die Zeche für die Utopie.