Moral-Apostel vs. Kellnerinnen: Wie uns die Korrektheit die Empathie raubt.

Ein Herz und eine Seele würde heute nicht mehr produziert

Jedes Jahr zu Silvester sitzen wir vor dem Fernseher und freuen uns auf Familie Tetzlaff. Alfred pöbelt, Else duckt sich, und das Publikum lacht.
1973 war das noch möglich, heute, eher nicht. Man hat keine Probleme die AFD in Talkshows zu präsentieren, aber Alfred, nein, der wäre so heute nicht möglich obwohl er viel zur AFD zu sagen hätte.
Alfred Tetzlaff würde im Redaktionsgespräch sterben, bevor er je gesendet wird.
Dabei hat Wolfgang Menge etwas gewusst, das wir gerade verlernen: Empathie kann im rauen Ton leben. Alfred ist unerträglich. Aber er liebt Else. Und das Publikum weiß das.

Die Wörter-Debatte dreht sich im Kreis

Die New York Times hat kürzlich einen Podcast veröffentlicht, in dem drei Redakteure darüber diskutieren, welche Wörter noch erlaubt sind.


Die Debatte ist ehrlich, stellenweise sogar klug. Aber sie dreht sich im Kreis. Denn die eigentliche Frage wird nicht gestellt: Hat uns die ganze Sprachregulierung eigentlich besser gemacht?

Wir kennen die Debatten auch in Deutschland, ich will sie nicht wiederholen.

Gesprochene Sprache ist kein HTML-Markup

Das Gendersternchen, der Doppelpunkt, der Unterstrich. Bücher, nach deren ersten Seiten man aufgibt, nicht aus Ablehnung, sondern weil der Text schlicht nicht lesbar ist. Gesprochene Sprache ist kein HTML-Markup. Wer beide Geschlechter meint, kann sie ausschreiben. Das hat die deutsche Sprache immer gekonnt.

Seht her, ich gender, also bin ich gut

Und manch einer, der fleißig gendert, tut das so, als würde er einen Schriftzug auf dem T-Shirt tragen. Seht her, ich gender, also bin ich gut. Diese Zurschaustellung ärgert am meisten, weil sie impliziert, dass alle anderen die Zeit nicht verstanden hätten. Wer nicht mitmacht, ist rückständig.
Wer Else und Alfred trotzdem jedes Jahr zu Silvester einschaltet, hat nichts begriffen.

Zufallsfund aus New York

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Ich bin zufällig auf 2 Broke Girls gestoßen, eine amerikanische Sitcom, die von 2011 bis 2017 lief. Die Serie verletzt vermutlich jede Regel, die in den letzten zehn Jahren aufgestellt wurde. Ethnische Witze, sexuelle Derbheit, kein Safe Space in Sicht. Und trotzdem: Max und Caroline, die eine aufgewachsen in Armut, die andere abgestürzt aus dem Geldadel, lassen die andere nicht fallen. Bei allem Krawall ist die Grundhaltung eindeutig. Sie wollen, dass die jeweils andere gut durchkommt.

Kein Workshop war nötig

Die Besetzung der Serie ist tatsächlich diverser als viele Zirkel, die Diversität als Konzept verwalten. Max, Caroline, Han, Oleg, Earl, Sophie. Verschiedene Klassen, Ethnien, Hintergründe. Kein einziger davon ist ein repräsentatives Aushängeschild. Alle haben Ecken. Und alle kommen vor. Kein Workshop war nötig.

Schubladen von links, Schubladen von rechts

Hier liegt die eigentliche Unterscheidung, und sie ist politisch relevant. Beide Seiten der aktuellen Kulturdebatte betreiben Identitätspolitik, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die eine Bewegung sortiert nach Vokabular: Sagst du das richtige Wort, bist du in der richtigen Schublade. Die Rechten sortieren nach Herkunft: Bist du der richtige Mensch, gehörst du dazu. Beide reduzieren Personen auf Kategorien. Beide haben Empathie bereits aufgegeben, bevor das Gespräch begonnen hat.

Der Albtraum der AfD

Und genau hier wird es deutsch. Was die AfD antreibt, ist nicht Sprachfreiheit, sondern Identitätsangst. Die Besetzung von 2 Broke Girls ist der Albtraum dieses Weltbilds: alle Ethnien, alle Lebensentwürfe, alle auf engem Raum, und keine Schublade hält. Und sie nehmen jeden auf die Schippe, der ihnen sagen will, wie sie zu leben haben. Das gilt für den Diversity-Workshop genauso wie für den Völkischen.

Was Menge und 2 Broke Girls gemeinsam haben: Ihre Figuren passen in keine Schublade sauber rein. Alfred ist der Prototyp des reaktionären Arbeiters, aber er liebt Else. Max ist die Unterschichtsfrau, Caroline die Privilegierte, und trotzdem lassen sie die andere nicht fallen.
Empathie ist genau das, was passiert, wenn man aufhört, den anderen zuerst zu kategorisieren.

Zusammen überleben statt moralisch siegen

2 Broke Girls gibt keine Anleitung, wie man moralisch richtig lebt. Die Serie zeigt, wie man zusammen überlebt. Das ist der Unterschied. Und genau das vergessen manche auf dem Hochschulcampus, wo Moral als Lehrplan kommt und Empathie als Prüfungsfach.

Anstand zeigt sich im Verhalten, nicht im Vokabular.
Alfred Tetzlaff hätte das vermutlich auch so gesagt. Nur lauter und wahrscheinlich mit einem Wort, für das er heute sofort gesperrt würde.


KI TAKEAWAY Vokabular ist nicht Haltung

Die Debatte über politische Korrektheit dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis, weil sie die falsche Frage stellt. Nicht: Welches Wort ist erlaubt? Sondern: Zeigt sich Anstand im Vokabular oder im Verhalten? Wolfgang Menges Alfred Tetzlaff und die Figuren von 2 Broke Girls geben dieselbe Antwort: Empathie funktioniert auch im rauen Ton, solange die Grundhaltung stimmt.

Beide Seiten der aktuellen Kulturdebatte betreiben Identitätspolitik mit umgekehrten Vorzeichen. Die Woke-Bewegung sortiert nach Vokabular, die AfD nach Herkunft. Beide reduzieren Personen auf Kategorien, bevor das Gespräch begonnen hat. Die Besetzung von 2 Broke Girls ist der Albtraum beider Weltbilder: alle Ethnien, alle Lebensentwürfe, keine Schublade hält. Und kein Workshop war nötig.

Was Menge 1973 wusste und was eine amerikanische Sitcom unbewusst reproduziert hat: Moral als Lehrplan ersetzt keine gelebte Solidarität. Zusammen überleben ist keine politische Aussage. Es ist eine menschliche Grundfertigkeit. Wer das verwaltet, hat es bereits verloren.