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Der ewige Muff Teil 2: Unter den Talaren – der Muff kommt wieder

KI generiert

In Teil 1 ging es um Sex und Politik: Sex ist politisch.
Warum der BH, der in amerikanischen Filmszenen anbleibt, und YouPorn, drei Klicks entfernt, kein Widerspruch sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Warum eine Kultur, die Körperlichkeit und Sex nur als Tabu oder Konsumgut kennt, Menschenliebe verliert
und damit die Grundlage von Demokratie.


Times Square, 1971

Der Aufstieg der Pornoindustrie
„The Deuce“, produziert von David Simon und George Pelecanos (die beiden Köpfe hinter „The Wire“) spielt im New York der frühen 70er Jahre.
Times Square, Peep-Shows, Bars, die entstehende Pornoindustrie.
Da das Bar Geschäft immer komplizierter wurde entdeckte man das Geschäft mit den kleinen „Schmuddel“filmen, die es so lange gab, wie es Bilder und bewegte Bilder gibt.
Die kleine Serien zeigte:
was passiert, wenn aus der sexuellen Energie der 68er-Bewegung innerhalb weniger Jahre eine Industrie wird,
wie aus Befreiung Ware wird,
wie aus Menschen Kategorien werden.

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Eine moderne Figur ist Eileen, genannt Candy, gespielt von Maggie Gyllenhaal. Eine Prostituierte, die anfängt, selbst Filme zu drehen. Die einen eigenen Blick entwickeln will, eine eigene Sprache für Sexualität, die nicht nur männliches Begehren abbildet.
Die versucht, Subjekt zu sein, nicht Objekt.

Aber sie merkt, das System funktioniert in dieser Männerwelt anders.
Ihre Kreativität, ihr Blick, ihre Energie werden in Strukturen hineingezogen werden, die sie nicht kontrollieren kann.
Am Ende streichen andere die Gewinne ein, und verachten sie..


Zwei Frauen, ein System

Teresa Orlowsky baute in den 80ern ein kleines europäisches Porno-Imperium auf. Sie war Produzentin, Regisseurin, Marke “ Foxy Lady“ und spielte oft auch die Hauptrolle in ihren Filmen.
Und sie operierte trotzdem innerhalb von Strukturen, die Männer kontrollierten. Vertrieb, Finanzierung, die eigentlichen Hebel – die lagen woanders.

Jenna Jameson wurde zum größten Superstar der amerikanischen Pornoindustrie. Ihr Name war eine Marke, ihr Gesicht auf tausend Covern. Und am Ende wurde sie finanziell ausgeplündert von denselben Männern, die von ihr profitierten.
Sie hat ihre Lebensgeschicht aufgeschrieben, ihr Buch „Pornostar“ gibt tiefe Einblicke in die Szene.

Zwei Frauen, die versuchten, das Spiel zu spielen. Und die merkten, dass die Regeln nicht für sie gemacht waren.

Candy aus „The Deuce“ ist ihre fiktive Schwester. Alle drei zeigen dasselbe: Eine Frau kann innerhalb dieses Systems aufsteigen, sichtbar werden, sogar Macht gewinnen aber die Grundstruktur bleibt.
Der Körper der Frau wurde zur Ware.
Wer ihn verwaltet, bestimmt, wer verdient.

Der Bildband: XXX30 von Timothy Greenfield-Sanders zeigt Pornoakteure dieser Zeit einmal nackt, als Pornostar und daneben gekleidet wie durchschnittliche Passanten.
Die Fotografien zeigen den Mensch hinter der Nacktheit, hinter der Rolle.


Was aus der Befreiung wurde

Die Pornoindustrie der frühen 70er hatte noch eine Verbindung zur Lebenswirklichkeit. Filme wie „Deep Throat“ wurden in normalen Kinos gezeigt, von normalen Paaren, als kulturelles Ereignis. Das war nicht unproblematisch, denn bei Deep Throat stellte sich im Nachhinein heraus, unter welchem Druck die Hauptdarstellerin wirklich stand. Diese Zeit und den Aufschwung der Pornoindustrie zu romantisieren, dafür gibt es keinen Anlaß. Eine Dokumentation zeigt diese Geschichte schonungslos.

Was dann kam, folgte einer marktwirtschaftlichen Logik wie alles andere in der Konsumgesellschaft: Optimierung, Beschleunigung, Fragmentierung.
Aus Begegnung wurde Produkt. Aus Körpern wurden Kategorien. Aus Geschichten wurden drei Minuten.

Heute ist YouPorn die meistbesuchte Seite ihrer Art weltweit. Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach: maximale Auswahl, minimale Zeit, vollständige Entkopplung von Empfindung und Gegenseitigkeit. Der andere Körper ist kein Gegenüber mehr. Er ist ein Dropdown-Menü.

Und das ist nicht nur ein ästhetisches Problem.
Denn was diese Industrie in ihrer heutigen Form lehrt, ob wir es wollen oder nicht, weil sie für viele junge Menschen der erste und prägendste Kontakt mit Sexualität ist, ist:
Der andere Körper existiert für dich.
Nicht mit dir. Er hat kein eigenes Begehren, keinen eigenen Willen, keine eigene Geschichte, die zählt.
Er ist Funktion.


1967 – unter den Talaren

67: Studenten trugen bei der Rektoratsfeier der Universität Hamburg ein Transparent in den Saal.
Sieben Wörter: „Unter den Talaren – der Muff von tausend Jahren.“
Es war kein Zufall, dass sie ausgerechnet die Talare wählten.
Die Männer darin hatten dieselben Roben zwanzig Jahre vorher auch getragen.
Dieselbe Sprache, dieselbe Hierarchie, dasselbe Frauenbild.
Der Nationalsozialismus war nicht verschwunden – er hatte sich nur neu eingekleidet.

68 war der Versuch, diese Kontinuität zu brechen. Nicht nur politisch, nicht nur intellektuell. Sondern körperlich, sexuell, kulturell.
Make Love, not War war auch: Wir wollen nicht so werden wie ihr.
Wir wollen andere Körper, andere Beziehungen, andere Männer.

Heute trägt der Muff keinen Talar mehr.
Er trägt einen Podcast, ein TiKTok Video, er ist Influencer und hat ein einfaches Geschlechterbild.


Derselbe Blick, anderes Gewand

Ein Influencer zeigt auf seine Begleiterin und sagt: „Das ist mein Geschirrspüler da drüben.“ Ein rechtsextremer Streamer erklärt seinen Millionen Followern: „Frauen sind zum Ficken da.“ Politiker sprechen von Familie, von Werten, von der natürlichen Ordnung und meinen damit eine Ordnung, in der Frauen Mütter sind, Hausfrauen, sexuell verfügbar für den Mann, dem sie gehören.
Das klingt anders als ein Porno-Clip. Es hat eine andere Sprache, eine andere Verpackung. Aber der Blick ist derselbe.

In beiden Fällen, im 3 Minuten Porno wie im politischen Familienmythos, existiert die Frau nicht als Subjekt.
Sie ist Funktion. Entweder Konsumgut oder Verwaltungsobjekt.
Entweder verfügbar oder verwaltet.
Niemals einfach: Mensch.

Das ist kein Zufall. Es ist Struktur.

Die Manosphere, Trump, die AfD – sie sind nicht zufällig in einer Zeit gewachsen, in der 3 Minuten Pornografie vollständig entmenschlicht ist.
Sie bedienen denselben Hunger nach Eindeutigkeit, nach klaren Rollen, nach einer Welt, in der man nicht aushandeln muss.
Der 3 Minuten Porno liefert das visuell.
Die Rechtspopulisten liefern es politisch.

Und beide brauchen dafür dasselbe: eine Frau, die kein Subjekt ist.


Was verboten wurde – und warum

Fanny Hill, 1748 in London erschienen, war sofort verboten. Nicht weil der Text obszön war, obszöne Texte gab es viele. Sondern weil er etwas Spezifisches tat: Er beschrieb weibliches Begehren aus weiblicher Perspektive.
Eine Frau, die will. Die genießt. Die ihre eigene Sexualität als ihr gehörig betrachtet.

Das war der Skandal. Nicht der Sex. Die Frau, die darüber spricht.

Josefine Mutzenbacher, Wien 1906: Eine Arbeiterin erzählt ihre sexuelle Geschichte, ohne Scham, ohne Reue, ohne die erwartete Strafe am Ende.
Das Buch stand noch in den 70ern vor deutschen Gerichten.

Die Geschichte der O, Paris 1954, geschrieben von Anne Desclos unter dem Pseudonym Pauline Réage: Ein Text über vollständige Unterwerfung, geschrieben von einer Frau für einen Mann. Das Paradox, das diesen Text bis heute unbequem macht: Auch hier ist die Frau Subjekt. Auch hier ist es ihr Blick, ihre Sprache, ihre Entscheidung. Selbst in der Unterwerfung.

Diese drei Texte waren keine Skandale, sondern weil sie Sexualität zeigten, weil sie Frauen als begehrende, entscheidende, erzählende Subjekte zeigten.

Das war in jeder Epoche das Bedrohliche. Nicht der Sex. Die Frau, die eine eigene Stimme hat.


Was anders aussieht – Berlin als Antwort

In Berlin gibt es seit Jahren das Porn Film Festival. Gegründet 2006, jährlich im Oktober, inzwischen eines der bekanntesten Festivals seiner Art weltweit.
Was es von allem anderen unterscheidet, ist nicht der Inhalt. Es ist die Frage, die dahinter steht.
Wer schaut? Und wer hat den Blick?

Die Filme, die dort gezeigt werden, kommen mehrheitlich von Frauen, von queeren Filmemachern, von Menschen, die außerhalb der industriellen Pornografie arbeiten. Nicht weil sie harmloser wären. Nicht weil sie weniger explizit wären. Sondern weil sie einen strukturell anderen Ausgangspunkt haben.

In diesen Filmen ist Begehren gegenseitig. Es gibt Kontext, Mehrdeutigkeit, manchmal Humor, manchmal Zärtlichkeit, manchmal Schmerz .
Aber immer zwei Menschen!
Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Es ist in der industriellen Pornografie die Ausnahme.

Wenn man „The Deuce“ gesehen hat, versteht man warum.
Eileen, die versucht, einen eigenen Blick zu entwickeln, scheitert nicht an fehlendem Talent. Sie scheitert an Strukturen:
Vertrieb, Finanzierung, die Frage wer die Kamera hält und wer entscheidet, was verkäuflich ist.
Das Berliner Festival ist in gewissem Sinne das, was Eileen nie erreichen konnte: ein Raum, in dem diese Strukturen nicht gelten.

Das ist keine Nische. Das ist eine präzise politische Aussage.

Denn wenn man die Linie zieht – von Fanny Hill, die verboten wurde weil eine Frau über ihr eigenes Begehren schrieb, über Mutzenbacher, die noch in den 70ern vor Gericht stand, über Orlowsky und Jameson, die innerhalb des Systems aufgestiegen und trotzdem scheiterten dann wird deutlich, was das Festival eigentlich ist: ein Weg der 1748 begann und noch nicht beendet ist.

Die Frau als begehrende, entscheidende, erzählende, filmende, schauende Instanz. Als Subjekt, nicht als Objekt. Als jemand, dem der Blick gehört.
Das ist der Unterschied zwischen YouPorn und dem Porn Film Festival Berlin. Nicht der Inhalt. Der Blick.


Verbieten? Die falsche Frage

Es gibt eine naheliegende Reaktion auf alles, was bisher beschrieben wurde: Verbietet Pornografie.
Viele Feministinnen und Frauenrechtlerinnen fordern genau das. Die Argumente ähneln denen zur Prostitution: Niemand sollte so naiv sein zu glauben, alle Frauen würden dieser Tätigkeit vollkommen freiwillig nachgehen,
nicht wenn man die finanziellen Zwänge, die sozialen Verhältnisse, die Machtstrukturen der Industrie mitdenkt.
Ausbeutung ist real.
Und trotzdem ist das Verbot die falsche Antwort.

Nicht weil Ausbeutung akzeptabel wäre. Sondern weil ein Verbot Frauen vorschreibt, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Weil es die Frage, wem der weibliche Körper gehört, mit einer weiteren Regulierung beantwortet, diesmal von der anderen Seite.
Und weil es, wie die Geschichte zeigt, schlicht nicht funktioniert.

Ich habe das selbst anders gesehen, bis ich 2008 eher zufällig die Folsom Street Fair in San Francisco besuchte. Ein Fetisch-Festival, mitgesponsert von Kink.com, einem Anbieter von Fetisch-Filmen. Die Besucher leicht bekleidet, an Ketten geführt, in Leder und Lack, gepierct an Stellen, wo es wehgetan haben muss. Und gleichzeitig: die freundlichsten, aufgeschlossensten, respektvollsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Menschen, die ihre sexuellen Fantasien auslebten, offen, einvernehmlich, mit einer Lebenslust, die ansteckend war.
2008, eine Aufbruchstimmung in den Staaten, Barack Obama am Horizont.
Es war ein Moment, in dem Körperlichkeit und Freude zusammenfielen.

Der Fetisch-Bereich ist sinnbildlich für genau das, worüber dieser Essay spricht:
Fantasien, die nicht dem Standard entsprechen, die nicht in das Bild passen, das andere von Sexualität haben. Und trotzdem oder gerade deshalb, menschlich, lebendig.

Das ist der Unterschied, der zählt. Nicht ob etwas explizit ist. Sondern ob es einvernehmlich ist. Ob beide Seiten wahrgenommen werden.

Pornografie verbieten würde das Problem nicht lösen. Es würde es ins Verborgene treiben. Und im Verborgenen, wird es unmenschlicher, nicht menschlicher. Niemand kennt die Umstände, unter denen die Clips entstehen, die heute millionenfach geklickt werden. Und anscheinend interessiert das die Konsumenten nicht. Musste man früher noch einen Sexshop besuchen, ist heute alles ein paar Klicks entfernt, ohne Kontext, ohne Verantwortung, ohne Gesicht.
Je mehr wir verdrängen und verbieten, desto unmenschlicher wird es.

Die richtige Frage ist nicht: Wie verbieten wir Pornografie? Die richtige Frage ist: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen in dieser Industrie nicht ausgebeutet werden? Wie geben wir denen, die aussteigen wollen, echte Wege heraus?
Und wie entwickeln wir eine Kultur, in der Sexualität nicht zwischen Tabu und Ware gefangen ist, sondern als menschliche Erfahrung gedacht werden kann?

Das sind unbequeme Fragen. Ich beantworte sie als Mann mit Vorsicht, denn letztlich geht es um Körper und Entscheidungen, die nicht meine sind.

Aber ich bin überzeugt: Die Antwort liegt nicht im Verbot.
Sie liegt in mehr Menschlichkeit. Mehr Einvernehmlichkeit. Mehr Sichtbarkeit dessen, was Ausbeutung ist und mehr Mut, es zu benennen.

Aber auch den Mut sich einzugestehen, was Lust ist.


Bridgerton – Begehren im Korsett

Ein Beispiel, das auf den ersten Blick überrascht.

Bridgerton spielt in der Regency-Ära, frühe 19. Jahrhundert. Eine Epoche, die für alles steht, was ich in diesen Essays kritisiere:
Frauen als Eigentum, Ehe als ökonomischer Vertrag, Körperlichkeit als Tabu, Sexualität als unsagbares Geheimnis hinter geschlossenen Türen.

Und ausgerechnet in diesem Setting erzählt die erfolgreichste Romantik-Serie des Streamingzeitalters jetzt ihre bisher politisch mutigste Geschichte: Staffel 5 dreht sich um Francesca Bridgerton und Michaela Stirling:
die erste queere Liebesgeschichte in der Geschichte der Serie, bewusst als Abweichung von der Romanvorlage gewählt.

Bridgerton hat ein Massenpublikum, das sich in romantische Fantasien flüchtet und bekommt jetzt eine Geschichte, in der zwei Frauen einander begehren, sich ansehen, sich wünschen. In der die Kamera nicht wegschaut.
Showrunnerin Jess Brownell hat das direkt benannt: Es sei von Anfang an ihr Ziel gewesen, eine queere Liebesgeschichte zu erzählen. Nicht als Randnotiz, sondern als Zentrum einer ganzen Staffel. Weil queere Menschen das Recht hätten, sich in einer Show zu sehen, die als inklusive Fantasie gilt.

Und jetzt kommt der politische Kontext, den man nicht ignorieren kann.

Diese Entscheidung fällt in eine Zeit, in der die amerikanische Rechte aktiv queere Sichtbarkeit bekämpft. Bücher werden aus Schulbibliotheken verbannt. „Don’t say gay“ Gesetze werden verabschiedet. Transrechte werden beschnitten. Der Muff der Rechten durchweht gerade jeden öffentlichen Raum, in dem Körperlichkeit, Sexualität und Identität verhandelt werden.
Und Netflix entscheidet sich, genau in dieser Zeit, ausgerechnet in der erfolgreichsten Romantik-Serie des Landes, eine queere Liebesgeschichte ins Zentrum zu stellen.
Das ist derselbe Gedanke, der das Berliner Festival trägt. Derselbe Gedanke, der hinter Fanny Hill steckt, hinter Mutzenbacher, hinter der Geschichte der O.
Wessen Begehren wird erzählt? Wer ist Subjekt?

Bridgerton gibt eine klare Antwort. Ausgerechnet im viktorianischen Korsett.
Ausgerechnet in einem Genre, das lange als harmlose Eskapade galt.
Und ausgerechnet in einem politischen Moment, in dem diese Antwort alles andere als selbstverständlich ist.


Der Muff ist derselbe

1967 haben Studenten unter die Talare geschaut und benannt, was sie sahen: die Kontinuität einer Ordnung, die sich neu eingekleidet hatte, aber dieselbe geblieben war und im Jahr 2026 immer mehr Anhänger findet.

Wir müssen genauer hinschauen: auf die Familienmythen, auf die drei-Minuten-Clips.
Auf die politischen Programme, die von Werten sprechen und Machtsicherung meinen.

Der Blicke, der Frauen zum Objekt macht, konsumierbar hier, verwaltbar dort , ist nicht neu. Er ist so alt wie die Verbote gegen Fanny Hill.
Er hat sich nur neu eingekleidet.
Mal trägt er einen Talar, mal einen Anzug, mal ein Headset vor einer Gaming-Kamera.

Er ist gefährlich. Nicht nur für Frauen. Sondern für alle, die in einer Gesellschaft leben wollen, in der Menschen Menschen sind, mit Körpern, die ihnen gehören, mit Begehren, das legitim ist, mit der Fähigkeit, einander als gleichwertig wahrzunehmen.

Denn das ist der Zusammenhang, den wir zu lange übersehen haben: Eine Gesellschaft, die Frauen zu Objekten macht, denkt Demokratie nicht vollständig.

Der Muff von tausend Jahren ist zurück.


Quellen und Belege

Sophie Gilbert, „What We Lost When Romantic Comedies Disappeared“, The Atlantic, 20. März 2026. Quelle für das Zitat des Influencers HSTikkyTokky und Nick Fuentes, dokumentiert in Louis Theroux‘ Netflix-Dokumentation über die Manosphere.

Tracy Brown, „‚Bridgerton‘ will center Francesca and Michaela’s love story next“, Los Angeles Times, 24. März 2026.

„The Deuce“, HBO, 2017–2019, David Simon und George Pelecanos.

Porn Film Festival Berlin – gegründet 2006, jährlich im Oktober. pornfilmfestivalberlin.de

John Cleland, „Fanny Hill – Memoirs of a Woman of Pleasure“, 1748.

„Josefine Mutzenbacher – Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“, 1906, zugeschrieben Felix Salten.

Pauline Réage (Anne Desclos), „Geschichte der O“, Paris 1954.


KI-Takeaway
KI TAKEAWAY Der modernisierte Muff

Der berühmte Slogan „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“ von 1967 markierte den Versuch, mit autoritären und entmenschlichenden Kontinuitäten zu brechen. Im Jahr 2026 zeigt sich jedoch eine neue Form dieses Muffs: Er trägt keinen Talar mehr, sondern äußert sich in Algorithmen, TikTok-Videos und der industriellen Pornografie. Die Struktur bleibt dieselbe – die Frau wird vom Subjekt zum Objekt, zur reinen Funktion oder zum „Dropdown-Menü“ degradiert.

Diese Entmenschlichung ist kein rein ästhetisches oder moralisches Problem, sondern ein tiefgreifend politisches. Wenn Sexualität nur noch als Konsumgut und der andere Körper als verfügbares Werkzeug ohne eigenen Willen wahrgenommen wird, erodiert die Grundlage für zwischenmenschliche Resonanz und damit für die Demokratie selbst. Rechtspopulistische Narrative und die pornografische Bildwelt des 21. Jahrhunderts bedienen denselben Hunger nach Eindeutigkeit und Herrschaft.

Wahre Befreiung, wie sie in Werken wie „Fanny Hill“ oder auf modernen Festivals wie dem Porn Film Festival Berlin angestrebt wird, liegt nicht im Verbot, sondern in der Rückeroberung des „Blicks“. Es geht um die Anerkennung des Gegenübers als handelndes, begehrendes Subjekt. Wo der Mensch zur bloßen Kategorie schrumpft – ob im Browserverlauf oder im politischen Programm –, kehrt der Muff von tausend Jahren in neuem Gewand zurück.