ekrowski.net

Der ewige Muff Teil1: Zwischen BH und Browserhistorie – Warum sexuelle Kultur politisch ist


Der BH bleibt an

Es gibt ein Szenen Muster, das symptomatisch ist für unsere Zeit.
Eine Sexszene, die Frau liegt im Bett, die Kamera zeigt alles, außer ihrer Brust.
Der BH bleibt an. Zumindest ist das die Normalität amerikanischer Filme und Serien, egal wieviel Erotik dargestellt werden soll.
Der weibliche Körper ist im amerikanischen Mainstream gefährlicher gilt als die Gewalt, die drei Szenen vorher gezeigt wurde, ohne dass jemand gezuckt hätte.
OK, es gibt Ausnahmen, die aber auch mit extremer Gewalt verbunden sind, z.B. “ The Boys“

Gleichzeitig ist YouPorn einen Klick entfernt. Drei-Minuten-Clips, in denen Menschen keine Menschen mehr sind, sondern Kategorien.
Austauschbar, vollständig entkoppelt von Empfindung. Lust als Marketing.
Sexualität ist in unserer aktuellen Kultur nur im Mainstream aktzeptiert, wenn sie entweder unsichtbar ist oder vollständig entmenschlicht.
Was dazwischen liegt, menschliche, körperliche Nähe mit ihrer Unsicherheit und Mehrdeutigtkeit, ist ein „bedrohlicher Raum“.


68 und was danach kam

„Make Love, not War“ kein naiver Slogan.
Wer den anderen als Körper, als Mensch, als gleichwertig wahrnimmt, physisch, emotional und sexuell, alle drei Elemente gehören zusammen,
der sieht ihn nicht gleichzeitig als Feind.
Empathie und Feindschaft schließen sich aus.


„Make Love, not War“ war und ist auch ein politischer Gedanke,
die sexuelle Befreiung als eine Form der Freiheit, die in unseren Zeit in Bedrängnis gekommen ist.

Die Filme jener Zeit, auch die deutschen, auch die ungeschliffenen die nur auf der Welle surften,
hatten noch eine soziale Verortung.
Menschen, die aussahen wie Menschen. Der Alltag, die Arbeitswelt, das Milieu.
Die Grellbunten Tapeten uns Autos in denen man sich zeigte und nicht hinter Schießcharten versteckte.
„Lass jucken Kumpel“, von der Kritik verachtet, stellte ein Ruhrgebiet dar, das viele kannten jenseits der heutigen Ruhrpottromantik.
Sex war ein Teil einer Lebenswirklichkeit.
Manchmal grob, manchmal albern, wie „Manta, Manta“ aber immer nicht von den Menschen entkoppelt.
Die Sexfilmchen war so gesehen empathischer als vieles, was heute als „aufgeklärt“ gilt.


Dann kam AIDS.


AIDS war nicht nur eine Krankheit, sondern eine Zäsur, die bis heute nachwirkt.
Sex wurde plötzlich mit Krankheit und Tod verbunden.
Der Begriff der Lustseuche machte die Runde und rief Konservative wie Kirchen auf die Moral Bühne.
Die gesellschaftliche Reaktion war keine medizinische, sondern eine moralische:
Diese Menschen sterben, weil sie falsch leben.
Das gesamte Projekt der sexuellen Befreiung wurde rückwirkend delegitimiert.
Körperlichkeit wurde zur öffentlichen Gefahr erklärt.
Und damit begann eine Rekodierung, die bis heute anhält:
Was vorher Befreiung war, wurde Risiko. Was vorher Begegnung war, wurde ein Verwaltungsproblem, ein medizinisches Risiko.


Die progressive Falle

Die politische Linke, und in Deutschland besonders die Grünen, übernahm diesen Schutzmodus. Nicht ohne Grund. MeToo hatte reale Machtmissbräuche gezeigt, die Causa Epstein zeigt Abgründe, die sich niemand vorstellen konnte.
Aufklärung über Mißbrauch über war und ist elementar. Menschen brauchen die Sicherheit und das Vertrauen in den öffentlichen Raum, in dem sie sich bewegen und die Sicherheit und das Vertrauen wenn sie diesen öffentlichen Raum verlassen wollen um in die Intimität zu gehen.
Aber es geschah etwas Unbeabsichtigtes:
Die sinnliche, empathische, freche und spontane Dimension von Körperlichkeit verschwand aus dem Diskurs.
Sex wurde zum Regelwerk.
Sprache zur Front, zum Panzer.
Der Körper, eigentlich der Ausgangspunkt von Empathie ist, wurde zum Risikoobjekt.

In Frankreich haben Catherine Deneuve und andere prominente Frauen in der Hochzeit der MeTo Diskussion einen öffentlichen Brief geschrieben, der genau das ansprach.
Sinngemäß: Wir wollen in einer Bar angesprochen werden.
Wir wollen als begehrenswerter Mensch wahrgenommen werden, in all der Mehrdeutigkeit eines Moments.
Das war kein Angriff auf MeToo.
Es war eine Verteidigung jenes tastenden Raums, in dem Begegnung überhaupt erst möglich wird.

Die Reaktion?
Sie wurden eingeordnet, angegriffen, missverstanden. Weil der Diskurs bereits in Lager zerfallen war: entweder Schutz oder Freiheit.
Das Sowohl-als-auch war nicht mehr vorgesehen.


Das Vakuum und wer es füllt

Je mehr Körperlichkeit und Begegnung über Regeln verwaltet wurden, desto mehr entstand ein politischer Sog.
Nicht nur bei den Frauen, die diese Regulierung nicht wollten.

Sondern bei Männern, die sich nicht mehr orientieren konnten oder wollten.
Und in dieses Vakuum strömte etwas ein, das eine klare, primitive Antwort hatte:
Hier ist dein Platz, hier ist ihrer.
Kein Aushandeln, keine Unsicherheit, keine Empathie nötig.

Die Manosphere, Trump, die AfD.
Sie sind nicht zufällig gleichzeitig erstarkt.
Sie bieten dasselbe Produkt: Eindeutigkeit in einer Zeit, die komplex geworden ist.
Ein Frauenbild, das auf sexueller Verfügbarkeit und einem mystischen Familienbegriff basiert, der in Wirklichkeit Machtsicherung ist.
Sie konnten diesen Raum besetzen, weil die andere Seite aufgehört hatte, über Körper, Begehren und Empathie als zusammenhängende Dinge zu sprechen.

Ein Influencer zeigt auf seine Begleiterin und sagt: „Das ist mein Geschirrspüler.“
Das ist nicht einfach Dummheit. Das ist die konsequente Form einer „Kultur“, die nie gelernt hat, den anderen Körper als Ort der Begegnung zu erkennen hat, sondern nur als Konsum oder Bedrohung.


Empathie beginnt im Körper

Empathie ist keine abstrakte Haltung. Sie entsteht in dem Moment, in dem ich meinem Gegenüber einen Körper zugestehe,
nicht als Objekt, nicht als Risiko.
Wenn ich jemanden ansehe,
auch körperlich,
auch mit Begehren,
auch mit Unsicherheit,
und gleichzeitig merke: da ist ein Mensch, mit seiner eigenen Geschichte, seiner Verletzlichkeit, seinem Willen, dann ist das der Ursprung von Empathie.

Pornografie in ihrer heutigen industriellen Form zerstört genau das.
Die Manosphere zerstört es.
Eine übertriebene Regulierung beschädigt es auf ihre eigene, gutgemeinte Weise.
Alle drei verhindern auf unterschiedlichen Wegen dasselbe: die Erfahrung des anderen als gleichwertigen Menschen.

Eine Kultur, die Körperlichkeit nicht als Ort von Empathie denkt, sondern als Ware oder Tabu, produziert Kälte.
Wer gelernt hat, den anderen Körper zu konsumieren oder zu meiden, hat auch verlernt, den anderen Menschen als gleichwertig wahrzunehmen.


Was es gibt

In Berlin existiert ein Pornografiefilmfestival für Filme, die von Frauen für Frauen gemacht wurden.
Ein Festival für Filme, die von Frauen und queeren Filmemachern gemacht wurden, die den männlichen Blick der Industrie grundsätzlich in Frage stellen. Mehr dazu in Teil 2. dieses Beitrages.

Und dann ist da Bridgerton. Die Serie spielt in der Regency-Ära, einer der sozial repressivsten, körperfeindlichsten Epochen der europäischen Geschichte. Frauen als Eigentum, Ehe als Vertrag, Sexualität als Tabu.
Ausgerechnet in diesem Setting erzählt die erfolgreichste Serie des Streamingzeitalters in Staffel 5 eine queere Liebesgeschichte mit Begehren, Körperlichkeit und Lust.
Showrunnerin Jess Brownell bringt es auf den Punkt: Es sei von Anfang an ihr Ziel gewesen, queere Menschen in einer Show zu zeigen, die als inklusive Fantasie gilt. Ausgerechnet im viktorianischen Korsett wagt die populärste Romantik-Serie der Gegenwart, was viele aktuelle Produktionen nicht wagen: dass Begehren sichtbar sein darf. In einer Zeit, in der die Rechte aktiv queere Sichtbarkeit bekämpft, ist das kein Zufall. Das ist Haltung!

„Heated Rivalry“ erzählt von zwei Männern, die sich auf Augenhöhe begegnen, sich anziehen, zurückziehen, wiederfinden.
Das Publikum war begeistert; nicht trotz der Körperlichkeit, sondern wegen der Menschlichkeit, die darin steckt.
Junge Menschen kaufen wieder massenhaft Bücher:Liebesgeschichten, in denen Frauen begehren, entscheiden, scheitern, wieder aufstehen. 51 Millionen Liebesromane in einem Jahr.
Das ist ein Hunger nach etwas, was fehlt.


Make Love, not War – neu übersetzt

Die Formel von 1968 stimmt noch.
Nicht als Rückkehr in die Unbekümmertheit der 70er, vor AIDS, vor MeToo, vor dem Wissen, das wir seitdem erworben haben.
Sondern als Wiederentdeckung des Grundgedankens:
Eine Gesellschaft, die Menschen beibringt, sich gegenseitig als Körper und damit als Menschen wahrzunehmen, lieben und begehren, ist widerstandsfähiger gegen Feindbilder, gegen Populismus, gegen die Brutalisierung des öffentlichen Raums.
Ein Raum in dem Körperlichkeit weder Tabu noch Ware ist.


Die Frage, wie wir miteinander umgehen, körperlich, sexuell, empathisch, ist nicht nur Privatangelegenheit, sondern die Grundlage von allem anderen.

Wer für beide Seiten befriedigenden Sex hat, hat keine Lust auf Krieg. Das war 1968 richtig und es ist heute richtiger denn je.


KI TAKEAWAY Die Sehnsucht nach dem Dazwischen – Warum Körperlichkeit politisch ist

Unsere sexuelle Kultur steckt in einem Paradox: Während der weibliche Körper im Mainstream-Film oft noch immer schamhaft verborgen wird, ist entmenschlichte Pornografie nur einen Klick entfernt. Was dabei verloren geht, ist der Raum dazwischen – die menschliche, unsichere und ambivalente Nähe. In einer Welt, die Sexualität entweder unsichtbar macht oder zur Ware degradiert, verschwindet die Erfahrung des Gegenübers als gleichwertiger Mensch.

Dabei lohnt ein ehrlicher Blick auf die politische Dimension: Das Projekt der sexuellen Befreiung wurde durch die Zäsur von AIDS und eine spätere, rein regelbasierte Verwaltung der Körperlichkeit geschwächt. Wo die progressive Seite aufgehört hat, über Begehren und Empathie als Einheit zu sprechen, ist ein Vakuum entstanden. Dieses wird heute von reaktionären Kräften wie der Manosphere besetzt, die primitive Eindeutigkeit statt komplexer Begegnung anbieten.

Die Wiederentdeckung von „Make Love, not War“ ist daher kein naiver Rückblick, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Empathie entsteht dort, wo wir dem anderen einen eigenen Körper, eine Geschichte und Verletzlichkeit zugestehen. Eine Kultur, die Körperlichkeit wieder als Ort der echten Begegnung lernt, schafft die menschliche Wärme, die als Schutzschild gegen Populismus, Feindbilder und die wachsende politische Kälte dient.

Quellen und Belege

Sophie Gilbert, „What We Lost When Romantic Comedies Disappeared“, The Atlantic, 20. März 2026. Quelle für Daten über den Rückgang romantischer Komödien, den Boom der Liebesromane, und das Zitat des Influencers HSTikkyTokky sowie Nick Fuentes, dokumentiert in Louis Theroux‘ Netflix-Dokumentation über die Manosphere.

Tracy Brown, „‚Bridgerton‘ will center Francesca and Michaela’s love story next“, Los Angeles Times, 24. März 2026.

Porn Film Festival Berlin – jährliches Festival für von Frauen und queeren Filmemachern produzierte erotische Filme. Ausführlicher behandelt in Teil 2.