ekrowski.net

Bremerhaven fährt um – aber weiß es noch nicht


Ein Kommentar von Thomal Hummel sin der SZ vom 10.2.2026 bringt es auf den Punkt, was die Mobilitätsbefragung für Bremerhaven in Zahlen verpackt hat.
Städte funktionieren nur mit starkem ÖPNV, nicht mit mehr Autos. Während München 500.000 Pendler täglich bewegt und sogar New York mit City-Maut den Busseffekt testet, sinkt in Bremerhaven der ÖV-Anteil von 15 auf 12 Prozent.
Die Lösung?
Weniger Autos, mehr Busse und Bahnen – genau dort, wo die Daten das größte Potenzial zeigen.


Bremerhaven gilt als klassische Autostadt:
breite Ausfallstraßen und große Parkplätze prägen das Bild.
Umso überraschender ist, was der aktuelle Schlussbericht zur Mobilitätsbefragung 2025 zeigt: Der Wandel hat längst begonnen, leise, aber mit klaren Zahlen untermauert.​

VerkehrsmittelAnteil 2025Fahrten pro Tag
Zu Fuß22%86.800
Fahrrad / E-Bike20%77.300
Öffentlicher Verkehr (ÖV)12%47.700
Auto (MIV-Fahrer:in)36%140.800
Auto (MIV-Mitfahrer:in)10%
Umweltverbund gesamt54%
MIV gesamt46%

54 Prozent Wege ohne Auto

Mehr als die Hälfte aller werktäglichen Wege in Bremerhaven werden mittlerweile mit den Mitteln des Umweltverbundes (zu Fuß, Rad, ÖV) zurückgelegt. Die Befragung umfasst 1.767 Personen aus 921 Haushalten und gilt mit einer Quote von 1,5% der Bevölkerung als statistisch repräsentativ.​


Der Trend – mit einem blinden Fleck

Im Vergleich zur Erhebung 2014 sinkt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV). Die Entwicklung ist jedoch zweigeteilt: Nahmobilität boomt, ÖV verliert Fahrten.

VerkehrsmittelAnteil 2014Anteil 2025Veränderung Fahrten/Tag
Zu Fuß15%22%+30.500
Fahrrad19%20%+4.300
ÖV15%12%–10.500
MIV gesamt51%46%–18.400

Während Fuß- und Radverkehr zunehmen, verliert der ÖV täglich 10.500 Fahrten. Er ist jedoch das einzige emissionsarme Mittel für weite Strecken. Die mittlere Wegelänge beträgt zu Fuß 1,1 km, per Rad 2,9 km – beim ÖV sind es 16,7 km. Fuß und Rad allein können den MIV nicht ersetzen.​


Ab zwei Kilometern dominiert das Auto

Die Daten zeigen eine klare Grenze bei zwei Kilometern Wegstrecke.

EntfernungHauptverkehrsmittelMIV-Anteil gesamt
Unter 0,5 kmZu Fuß (82%)8%
0,5 bis 1 kmZu Fuß (64%)12%
1 bis 2 kmFuß / Rad / MIV gemischt38%
2 bis 4 kmMIV dominant51%
10 bis 15 kmMIV sehr dominant75%
Über 20 kmMIV sehr dominant74%

Das größte Verlagerungspotenzial liegt zwischen 2 und 6 km. Hier wäre Fahrrad oder Bus technisch konkurrenzfähig – dennoch greift die Mehrheit zum Autoschlüssel.


Die Generation, die alles entscheidet

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf Altersgruppen. Hier zeichnet sich ein kultureller Wandel ab.

AltersgruppeMIV gesamtFahrradÖVZu Fuß
7–16 Jahre20%22%33%25%
17–29 Jahre33%22%27%18%
30–49 Jahre57%20%7%17%
50–64 Jahre51%28%7%14%
80+ Jahre41%12%17%30%

Bei den 17- bis 29-Jährigen hat sich der ÖV-Anteil seit 2014 von 14% auf 27% fast verdoppelt.
Diese Generation scheint den Führerschein nicht mehr automatisch mit dem Abschied von Bus und Bahn gleichzusetzen.


Stadt vs. Umland: Zwei Mobilitätswelten

Während die Stadt den Umweltverbund stärkt, bleibt das Umland auf das Auto angewiesen.

KennzahlBremerhavenUmlandgemeinden
MIV-Anteil46%60%
Mittlere Wegelänge7,5 km12,0 km
Mittlere ÖV-Wegelänge16,7 km34,8 km
Entfernung Bushaltestelle6 Min.8 Min.
Entfernung Bahnhof15 Min.18 Min.

Im Umland wird der Bahnhof in fast der Hälfte der Fälle mit dem Auto erreicht. Das ist keine Faulheit – das ist fehlende Infrastruktur.


Was funktioniert: Anreize wirken

Ein konkretes Erfolgsbeispiel ist das Programm „Umsteigen70“: Wer den Führerschein abgibt (ab 70 Jahren), erhält ein kostenloses ÖV-Jahresticket. Das Ergebnis ist messbar – in der Gruppe der über 80-Jährigen steigt der ÖV-Anteil auf 17%.
Es zeigt: Mobilität lässt sich ändern, wenn das Angebot attraktiv genug ist.​

Fazit: Die Gesellschaft ist weiter als die Politik

Die Zahlen legen eine unbequeme Frage nahe: Ist die Bremerhavener Bevölkerung in ihrer Mobilitätspraxis längst weiter als die Stadtplanung? 54% der Wege ohne Auto, eine junge Generation, die den Bus dem Führerschein vorzieht, ein MIV, der seit 2014 um 18.400 Fahrten pro Tag zurückgeht,
das alles passiert ohne großen politischen Push, in einer Stadt, die strukturell noch autoorientiert ist.​

Dabei lohnt ein ehrlicher Blick:
27% der Haushalte besitzen kein Auto, ein für deutsche Städte außergewöhnlich hoher Wert. Ein Teil des Umweltverbund-Anteils ist also wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit, nicht nur freie Wahl. Eigentlich ein SPD Thema.

Der ÖV verliert trotzdem täglich 10.500 Fahrten.
Das ist die Achillesferse:
Nachfrage nach autofreier Mobilität wächst, Angebot hält nicht Schritt.​

Mein persönlicher Favorit:
Mobilitätsring im Kernbereich
Andere Städte machen es vor und auch für den Tourismus wäre es ein Booster.


Datengrundlage: Mobilitätsbefragung 2025 zum werktäglichen Verkehrsverhalten in der Stadt Bremerhaven, Schlussbericht. Erstellt durch Ingenieurbüro Helmert, Aachen, im Auftrag des Magistrats der Stadt Bremerhaven, Dezember 2025.
LINK


Die To Do Liste nach diesen Zahlen:

MaßnahmeZiel (basierend auf Befragung)Erfolgsindikator
ÖV-Qualität steigernVerlorene ÖV-Fahrten zurückholenHöherer ÖV-Anteil
Anreize für Senioren ausbauenÄltere Generation stärker einbindenMehr ÖV bei 65+
Mobilitätsring im KernbereichPotenzial bei 2–6 km Strecken nutzenMehr Nutzung im Zentrum
Rad- und Fußnetz erweiternNahmobilität weiter fördernMehr Fuß- und Radwege
Umland-Anbindung optimierenAutoabhängigkeit im Umland senkenWeniger Lkw in Wohngebieten
ÖV für junge Erwachsene17–29-Jährige noch stärker erreichen


Gesamtanteil Umweltverbund steigern

Anmerkung:  Nach Stilllegung der Straßenbahn 1982 halbierten sich Fahrgastzahlen (25 Mio. → 12–14 Mio./Jahr), entgegen bundesweitem Trend (+33% seit 1970er). BremerhavenBus deckt 98% der Einwohner ab, aber abends schwächer.
https://www.strassenbahn-bremerhaven.de/warum-strassenbahn/mehr-fahrgaeste-weniger-autoverkehr/
Städte mit Straßenbahn/hohem Takt (Frankfurt, Düsseldorf) erreichen 20–25% ÖV-Anteil durch Sichtbarkeit, Kapazität und Netzflexibilität. Bremerhaven könnte mit Ringlinie + Taktverdichtung aufholen ( NZ zum ÖPNV Ranking)


Hinweis: Alle in diesem Beitrag verwendeten Zahlen und Daten basieren auf dem Schlussbericht der Mobilitätsbefragung 2025 der Stadt Bremerhaven (Ingenieurbüro Helmert, Aachen, Dezember 2025) und wurden nach bestem Gewissen zusammengefasst und interpretiert. Für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Darstellung wird keine Gewähr übernommen. Maßgeblich ist stets der Originalbericht.

KI TAKEAWAY Die Gesellschaft fährt vor – die Politik holt nicht auf

Die Mobilitätsbefragung 2025 zeigt ein strukturelles Paradox: In einer Stadt, die baulich und politisch auf das Auto ausgerichtet ist, legen die Menschen bereits 54 Prozent ihrer Wege ohne Auto zurück. Der MIV verliert täglich 18.400 Fahrten – nicht weil die Politik es erzwungen hat, sondern weil die Bevölkerung sich eigenständig verändert. Das ist kein Klimaaktivismus. Es ist Alltag.

Dabei lohnt ein ehrlicher Blick auf die Hintergründe: 27 Prozent der Bremerhavener Haushalte besitzen kein Auto – ein für deutsche Städte außergewöhnlich hoher Wert. Ein Teil des Umweltverbund-Anteils ist also keine freie Entscheidung, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Menschen ohne Auto sind in Bremerhaven auf ein Angebot angewiesen, das täglich 10.500 ÖV-Fahrten weniger erbringt als noch vor zehn Jahren. Die Nachfrage nach autofreier Mobilität wächst – das Angebot schrumpft. Das ist keine Marktlücke. Das ist eine politische Entscheidung durch Unterlassen.

Die 17- bis 29-Jährigen verdoppeln ihren ÖV-Anteil von 14 auf 27 Prozent – ohne dass das Angebot besser geworden wäre. Sie fahren Bus und Bahn trotz des Systems, nicht wegen ihm. Wenn diese Generation irgendwann auf eine funktionierende Infrastruktur trifft, wird der Wandel nicht mehr aufzuhalten sein. Die Frage ist nur, ob Bremerhaven dann noch dabei ist – oder ob die Stadtplanung auch 2035 noch Parkplätze optimiert, während die Bevölkerung längst anders unterwegs ist.