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Bremerhaven. Wo Wege sich kreuzen – und warum die Stadt sich selbst im Weg steht

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Wenn ich bei Katies den Kuchen hole, zugestanden wohl einer der besten Kuchen in Mitte, komme ich an diesem neuen Hotel vorbei.Jedes Mal stellt sich dieselbe Frage:

Merkt die Stadt eigentlich, was sie da tut?

Klar, es ist Bremer Gebiet, aber, die Akteure kennen sich und wenn promineten Stimmen aus Bremerhaven interveniert hätten, gäbe es das Hotel nicht. Aber, niemand hat interveniert und das ist ein Muster, kein Versehen.

Eine Stadt, die ihre eigene Wirtschaft belehrt, statt ihr zuzuhören, arbeitet gegen sich selbst. Nicht aus bösem Willen, sondern aus einer Mischung aus Betriebsblindheit, Routine und dem Glauben, man könne komplexe Märkte mit alten Gutachten und guten Absichten steuern.

Ein gesättigter Markt – und trotzdem immer weiter

Die Hoteliers in Bremerhaven schlagen Alarm.

Die Auslastung ist niedrig, viele Betten bleiben leer. Branchenvertreter sprechen offen davon, dass der Markt faktisch gesättigt ist. Trotzdem hält die Stadt an weiteren Neubauplänen fest. Gestützt auf Analysen, die zum Teil Jahre alt sind und eine andere Marktlage beschreiben.

Das ist keine Steuerung.
Das ist keine Wirtschaftsförderung.
Das ist Verdrängung.

Ein Hotelmarkt funktioniert nicht über einzelne Spitzen, sondern über das ganze Jahr. Wer dauerhaft wirtschaften will, braucht keine fünf starken Tage, sondern tragfähige Nachfrage an dreihundertfünfzig normalen Tagen.

Eventdenken statt Alltag
Der Tourismus wird in Bremerhaven noch immer vor allem über Großereignisse gedacht.
Sail. Maritime Tage. Einzelne Leuchttürme im Kalender.
Doch auf die Eventtage folgen die leeren Tage. Für die Betriebe zählen nicht die Ausnahmen, sondern der Alltag. Was fehlt, ist eine klare touristische Vision. 

Eine Idee davon, wofür Bremerhaven eigentlich steht – jenseits von Zahlen, Rankings und kurzfristigen Effekten.
Menschen sind wichtiger als Statistiken.




Wenn der Staat selbst zum Konkurrenten wird
Am Karstadt-Areal setzt die Stadt noch eins drauf:

Ein staatliches Jugendgästehaus in absoluter Bestlage. Der Hotel- und Gaststättenverband warnt vor einem Staatsbetrieb in einem gesättigten Markt, vor Wettbewerbsverzerrung, vor zusätzlichem Druck auf bestehende Häuser.
Die Frage ist simpel und unbequem zugleich:

Warum drängt die Stadt selbst in einen Markt, in dem private Betriebe bereits um ihre Existenz kämpfen?
Wer Wirtschaft fördern will, muss sie ernst nehmen. Und wer Verantwortung trägt, sollte sich fragen, ob staatliches Handeln hier wirklich ergänzt – oder ob es verdrängt.


Dialog ist mehr als Kaffee
Die Reaktion der Stadt auf die Kritik klingt freundlich:
Man könne das Ganze ja bei einer Tasse Kaffee besprechen.

Aber wenn Existenzen auf dem Spiel stehen, ist Kaffee kein Dialog.
Dialog bedeutet zuhören, abwägen, Konsequenzen ziehen. Nicht beschwichtigen.

Bremerhaven sollte endlich aufhören, gegen die eigene Wirtschaft zu arbeiten. Und gegen die eigenen Menschen.

Eine Dachmarke ist keine Parole

In den letzten Wochen habe ich viel über eine mögliche Dachmarke nachgedacht.
Einen Satz, der mehr ist als Werbung. Der nicht behauptet, sondern beschreibt.

Bremerhaven. Wo Wege sich kreuzen.

Dieser Satz ist historisch wahr. Hier kreuzten sich die Wege von Auswanderern, Seeleuten, Arbeitern, Forschern. Er ist politisch offen und bewusst nicht glatt. Und er passt zu den großen Themen unserer Zeit: Migration, Klima, Wissen, Entdecken statt Konsumieren.

Aber eine Dachmarke ist keine Parole, die man sich umhängt. Sie ist eine Haltung, die sich im Alltag zeigen muss. In Entscheidungen. In Prioritäten. Im Umgang mit denen, die diese Stadt am Laufen halten. Da ist noch viel zu tun, das Rad habe ich nicht ohne Grund als Symbol eingesetzt.

Wenn Bremerhaven wirklich dort sein will, wo Wege sich kreuzen, dann darf es nicht ausgerechnet die Wege blockieren, auf denen seine eigene Wirtschaft und seine eigenen Menschen unterwegs sind.

Vielleicht ist es Zeit, weniger zu erklären – und mehr zuzuhören.


Der Text ist ein persönlicher Kommentar.
Zahlen und Aussagen basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen und eigenen Recherchen, eine Gewähr kann nicht übernommen werden.


Quellen, soweit nicht im Video genannt:
Tourismuskonzept Stadt Bremerhaven 2025 (Gutachten / Analyse, inkl. Auslastung, Betten, FeWos, Kreuzfahrt):
https://www.wirtschaft.bremen.de/sixcms/media.php/13/Tourismuskonzept+Stadt+Bremerhaven+2025.pdf

Infoseite zum Tourismuskonzept Bremerhaven 2025 (Kurzfassung, Kontext):
https://www.stadtmarketing-bremerhaven.de/de/handlungsfelder/Tourismuskonzept%20Bremerhaven%202025

Projektbeschreibung PROJECT M (Hintergrund zum Konzept, Wachstumsziele, Übernachtungszahlen):
https://www.projectm.de/de/referenz/tourismuskonzept-bremerhaven-2025

Tourismusstatistik Land Bremen / Reiseverkehr (Auslastung, Übernachtungen, Zeitreihen):
Beispiel 2025-Bericht:
https://www.statistik.bremen.de/sixcms/media.php/13/2025_05_GIV1_Reiseverkehr_pdfa.pdf

Daten – Zahlen – Fakten Bremerhaven (Bettenzahlen, Betriebe, Grunddaten):
https://www.bis-bremerhaven.de/Mediathek/Wirtschaftsstandort/Zahlen%20und%20Daten/DatenFakten_2024.pdf

Presse/Medien zu Auslastung und „gesättigtem Bettenmarkt“ (für Formulierungen wie „weniger als die Hälfte belegt“):
– Beispielhafter Artikel zur Belegung:
https://www.nordsee-zeitung.de/bremerhaven/braucht-bremerhaven-mehr-hotels-ein-blick-in-die-belegungsplaene-224038.html

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