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Bremerhaven: Wenn die Party vorbei ist!

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Warum Events allein keine lebendige Innenstadt schaffen.

Fühlt ihr euch abends auf der Bürgers wohl?
Wir gehen gerne ins Stadttheater. Aber nach einem tollen Abend kommt der Moment, wo wir nach Hause müssen. Wir gehen durch die Bürger… und es ist gruselig. Tote Hose. Man will nur noch weg.

Die Bürger bietet abends ein trauriges Bild. Okay, der Bereich um die Große Kirche wird durch das Scala bereichert. Aber wenn dort Schluss ist und das Eiskaffee dicht hat, ist es ein trauriger Ort. Und da wird eine Stadtbibliothek wohl kaum helfen.

Wir waren vor ein paar Tagen in Lübeck. Da sah es anders aus – zumindest in der Innenstadt. Beide Städte sind vergleichbar groß, haben Geschichte, Probleme und leben mit Tourismus. Und doch funktionieren ihre Innenstädte am Abend völlig unterschiedlich.

Alltag gegen Ladenschluss

In Bremerhaven werden die Bürgersteige abends hochgeklappt – Kneipenmeile mal ausgenommen, aber die ist auch nicht jedermanns Sache. In Lübeck sah das anders aus. Dort wird die Stadt nicht abgeschaltet, wenn die Geschäfte schließen. Dort wird gewohnt, gearbeitet, dort ist Kultur. Tourismus ist da, aber er dominiert nicht, er fügt sich ein. Kurzum: Die Innenstadt ist keine Kulisse. Es ist gelebter Alltag.

Lübecks Altstadt als Vorbild

Die Altstadt in Lübeck ist kein Themenpark. Sie ist Wohnort, Arbeitsort, Kulturraum und touristisches Ziel zugleich. Diese Mischung sorgt dafür, dass die Stadt nicht abschaltet, wenn Geschäfte schließen. Tourismus ist präsent, aber er dominiert nicht – er fügt sich ein.

Lübeck steigt im SKL-Glücksatlas von Rang 31 (2024, 6,62 Punkte) auf Rang 18 (2025, 7,06 Punkte) – stärkster Zuwachs aller 40 Großstädte, trotz Jugendarbeitslosigkeit und Leerständen. Die Menschen sind zufriedener als die Daten vermuten lassen („Overperformer“).

Bremerhaven weiß es längst – aber ignoriert es

Die Probleme der Innenstadt sind seit Jahren benannt: Fehlende Aufenthaltsqualität, wenig Leben am Abend. Bremerhaven hat das selbst analysieren lassen. Zwei Gutachten – „Innenstadt neu denken“ und die Markthallenstudie – kommen zum gleichen Ergebnis:

  • Innenstadt braucht Mischnutzung (Wohnen, Arbeiten, Kultur).
  • Alltag schlägt Event – Punkt.
  • Sie muss sozial gemischt sein.
  • Sie ist ein Alltagsort, kein Projekt.

Die aktuelle Planung bricht mit allem

Anstatt die Gutachten umzusetzen, passiert das Gegenteil. Man setzt auf den einen Leuchtturm: NOVO auf dem Karstadt-Areal. Man reißt ein Gebäude ab, damit Touristen die Innenstadt finden können, fragt aber nicht:
Was sollen sie dort machen? Ein Buch lesen und Cappuccino trinken?

Die Nutzung als Stadtbibliothek und Jugendherberge ist sinnvoll. Aber zu einseitig. Das neue Gebäude wird begrenzte Alltagsfrequenz erzeugen und die Innenstadt abends kaum beleben, außerhalb der Tourenzeiten. Genau davor warnen die Gutachten. Die Innenstadt bekommt eine neue Immobilie, aber kein neues Leben.

Tourismus- und Marketingkonzept: Hoffnung statt Struktur

Tourismuskonzept 2030 und Stadtmarketing denken die Stadt vom Image her. Leuchttürme, Events und Inszenierungen sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Die Innenstadt und Havenwelten werden als Bühne gesehen, nicht als Alltagsräume. Hoffnung auf Dominoeffekte ersetzt Arbeit an der Breite.

Lübeck als Realitätscheck

Lübeck folgt einer anderen Logik. Dort wird Stadt nicht permanent neu erzählt, sie funktioniert.
Tourismus soll nicht stören, ist kein Gegenentwurf zum Alltag, sondern dessen Nebenprodukt. Marketing verstärkt, was vorhanden ist. So funktioniert auch Groningen: Das Forum klappt, weil die Stadt vorher schon lebenswert war und Studenten anzog. Ohne Basis wäre es eine Pyramide.

Der entscheidende Moment

Die Analysen liegen vor. Der Vergleich bestätigt es. Noch ist kein Grundstein gelegt. Noch ist die Nutzung zentraler Flächen nicht unumkehrbar festgeschrieben.

Die eigentliche Frage: Vertraut man weiter auf Inszenierung?
Oder traut man dem Alltag und den Menschen?

Noch ist es nicht zu spät

Bremerhaven ist nicht Lübeck. Muss es auch nicht werden. Fischbrötchen gegen Marzipan. Aber wir haben unsere Stärken, unsere Menschen, unsere Identität. Wenn wir ihnen vertrauen, wenn wir den Alltag und nicht die Hoffnung bebauen, dann kann die Innenstadt wieder ein Ort werden, an dem man bleibt. Auch abends. Auch ohne Anlass.

Noch ist es nicht zu spät.


Quellen

Lübeck (ausführlich)

Glücksatlas & Lebensqualität:

Innenstadt, Altstadt & Tourismus:

Bremerhaven

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