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Bremerhaven und der Opferteich

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Bremerhaven und der Opferteich

Wisst ihr, was ein Opferteich ist? Ich habe den Begriff das erste Mal in meinem Referendariat beim RP Münster im Umweltamt gehört. Man hatte einen Teich als wertvolles Biotop angelegt. Leider fanden das auch einige Vögel sehr praktisch und plünderten ihn. Also legte man einen zweiten Teich an, machte ihn einfacher zugänglich und bestückte ihn mit weniger wertvollen Fischen. Die Vögel nahmen fortan den zweiten Teich, den Opferteich – und ließen den wertvollen Teich in Ruhe.

KI

Dieses Prinzip ist in der Politik ausgesprochen beliebt:

Man lenkt ab.
Man schafft einen kleinen, unbedeutenden Ort, damit sich alle darauf konzentrieren, während das Wesentliche unbehelligt bleibt.

Die Partei-Bros in Bremerhaven sind Meister dieser Taktik. In keiner Haushaltsdebatte tauchen die echten Löcher auf – die, die in den Parallelhaushalten von BIS und Stägrund sauber versteckt sind. Dort liegen die Leichen im Keller. Da diskutiert man lieber über LED-Beleuchtung und Kürzungen bei Miniprojekten.

Ein aktuelles Beispiel:
→ der PikoPark auf dem Gelände des ehemaligen Finanzamts.
Und er ist das Musterbeispiel eines politischen Opferteichs.


Bürgerbeteiligung als Bühnenbild

Ich freue mich immer, wenn Menschen in Bremerhaven eingeladen werden, ihre Stadt mitzugestalten. Beim neuen PikoPark sollen Bürgerinnen und Bürger über Sitzgelegenheiten sprechen, Pflanzen auswählen, Ideen beisteuern und gemeinsam überlegen, wie ein kleines Stück Stadt freundlicher und grüner werden kann.

Solche Momente sind wertvoll, weil sie zeigen, dass Beteiligung funktionieren kann – und dass Stadtentwicklung nicht nur in Ausschüssen passiert.

Aber wer meinen Blog kennt, weiß:
Wenn ich so beginne, kommt meistens ein ekrowskisches ABER.

Und dieses Aber hat weniger mit den Menschen zu tun, die sich einbringen – sondern mit dem Rahmen, in den man sie setzt.


Der Park steht auf einer Millionenfläche – die niemand so nennt

Der PikoPark liegt auf einer Fläche, die jahrzehntelang das alte Finanzamt beherbergte. Diese Fläche wurde für symbolische 1 Euro von der Stadt übernommen – allerdings verbunden mit der Pflicht, sämtliche Abriss- und Entsorgungskosten zu tragen.

Abrisskosten kommuniziert man ungern – das passt schlecht ins Bild des tatkräftigen Machers. Schauen wir also genauer hin: Karstadt und das alte Finanzamt.

Bürgermeister Melf Grantz sagte, der Abriss von Karstadt würde 3 Millionen Euro kosten.
Das ist eine politische Zahl. Warum?


Abrisskosten: politische Zahl vs. technische Realität

Für das ehemalige Karstadt-Haus nannte die Stadt öffentlich „rund 3 Millionen Euro“ Abrisskosten. Ein Wert, der politisch hervorragend funktioniert – aber technisch kaum belastbar ist.

Ein Blick auf die Kubatur reicht:

  • Karstadt: ca. 4.000 m² Grundfläche, 2 Geschosse
  • Finanzamt: ca. 2.000 m² Grundfläche, 4 Geschosse
    → In beiden Fällen ergibt das 24.000–28.000 m³ umbauten Raum.

Die konservative Untergrenze für Gebäuderückbau liegt im öffentlichen Raum bei 50–100 €/m³.
Realistische Werte für Innenstadt-Objekte älterer Baujahre liegen bei 100–150 €/m³.
Komplexe Fälle – Asbest, PCB, PAK, enge Innenstadtlage – erreichen 150–250 €/m³.

Daraus ergeben sich:


📊 Modellierte Abrisskosten (Finanzamt & Karstadt)

GebäudeVolumen (m³)Konservativ 50–100 €/m³Realistisch 100–150 €/m³Komplexfall 150–250 €/m³
Finanzamt24.000–28.0001,2–2,8 Mio. €2,4–4,2 Mio. €3,6–7,0 Mio. €
Karstadt24.000–28.0001,2–2,8 Mio. €2,4–4,2 Mio. €3,6–7,0 Mio. €

Ergebnis:

Die häufig genannten 3 Millionen Euro sind:

  • politisch gut kommunizierbar
  • technisch aber die absolute Unterkante
  • und nur realistisch, wenn man den Abriss ohne Schadstoffe, ohne Auflagen und ohne Innenstadtprobleme rechnet
  • was für ein Warenhaus aus den 1950er–1970er Jahren unwahrscheinlich ist

Damit ist klar:
Die kommunizierten Zahlen sind politische Richtwerte – keine realistischen Abrisskalkulationen.

! Liebe Stadt, ich bin kein Bauingenieur. Wenn meine Berechnungen falsch sind: Bitte korrigiert sie. Nennt endlich die realen Zahlen.


Zurück zum PikoPark

Man investiert keine Millionensummen, um am Ende ein provisorisches Wiesenstück zu schaffen.

Die ursprüngliche Idee zeigt sich im Bebauungsplan 489: An dieser Stelle sollte ein großflächiges Neubauprojekt entstehen. Auch das Innenstadtkonzept sah dort ein Gesundheitszentrum vor.

Urbanista sah das ähnlich und sprach im Februar 2022 noch selbstverständlich von einer reinen Zwischennutzung.

Der Bebauungsplan wurde – wahrscheinlich, weil die Investoren abhandenkamen – nicht aufgehoben, sondern nur ruhiggestellt.
Tja, so etwas passiert, wenn die Pläne der Bros auf die Realität treffen.

Aber:
Dieser Plan kann jederzeit wieder aktiviert werden.
Ein Investor, ein politischer Wille – und der Park verschwindet so geräuschlos, wie er entstanden ist.

Das ist planungsrechtlich normal. Man sollte es aber wissen, wenn man hier einen Park gestaltet.


Das eigentliche Problem liegt 10 Meter weiter

Die eigentliche Herausforderung dieser Stelle liegt nur wenige Meter entfernt: die Columbusstraße.

Eine rund 80 Meter breite Verkehrsachse, die Kreuzung umfasst über 4.500 m² reine Kfz-Fläche.
Laut, heiß, versiegelt – eine klassische Hitzeinsel.

Und:
An dieser Stelle sollte sich eigentlich niemand länger aufhalten.

Bremerhaven misst keinen Lärm, keinen Feinstaub – also ist offiziell alles in Ordnung.
Inoffiziell steht man dort mitten im gesundheitlichen Risikoraum.

Man könnte sich auch eine Packung Gauloises anzünden – mit vergleichbarer Wirkung.

Jede Raststättenanlage liegt weiter vom Verkehrsraum entfernt als dieser Park.
Klimaresilienz entsteht nicht durch einen 2.000-Quadratmeter-Zwischenraum, sondern indem man den Straßenraum selbst neu denkt.

Der PikoPark ist ein freundlich dekoriertes Vordergrundbild – ein Ort, der Klimaresilienz suggeriert. Mehr nicht.


Fassen wir zusammen

  • An dieser Stelle wurde ein Gebäude abgerissen – graue Energie vernichtet.
  • An anderer Stelle wurde ein innerstädtischer Wald gefällt.
  • Und nun präsentiert man eine provisorische Wiesenfläche als „grüne Lunge“.

Man zerstört gewachsenes Stadtgrün und historische Bausubstanz – und verkauft anschließend ein kurzfristiges Provisorium als klimaresiliente Zukunft.

Der PikoPark ist der Opferteich.

Die Menschen dürfen Sitzgelegenheiten auswählen, Pflanzenarten diskutieren und Zukunft malen – aber sie dürfen nicht darüber sprechen,

  • warum die Columbusstraße weiterhin eine innerstädtische Trennlinie ist,
  • warum der Verkehrsplan 2040 verzögert wird,
  • warum es an dieser Schlüsselstelle keinerlei Feinstaub- und Lärmmessungen gibt,
  • und warum die extreme Versiegelung nicht reduziert wird, obwohl das bekannte Gutachten genau das vorgeschlagen hat.

Die Beteiligung am PikoPark ist gut gemeint.
Aber sie findet nicht dort statt, wo sie unbequem, teuer oder konfliktträchtig wäre.

Man hat ein Gebäude beseitigt, dessen Erhalt aus Klimasicht sinnvoller gewesen wäre.
Man hat Millionen investiert, um ein Baufeld freizumachen.
Und fast noch schlimmer:
Man verheimlicht den Menschen die tatsächlichen Kosten dieser Politik – und übernimmt lieber die Opferrolle.
Denn Bremen ist ja an allem schuld.

Die Menschen sollen sich einbringen – aber nicht dort, wo es weh tun könnte.

Und genau darin liegt das Problem.

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