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„Sailing on Vinyl“

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Ich habe wieder einen Plattenspieler

Sonoro Platinum EAS.
Ein Geschenk meiner Frau. Naja, ausgesucht und bestellt habe ich ihn schon selbst. Aber es tut richtig gut, wieder ein Plattencover in den Händen zu halten und den Tonarm auf die Rille zu führen.

Früher hatte ich eine umfangreiche Plattensammlung.
Technics-Plattenspieler, Ortofon-System, Yamaha-Receiver, Bose 901 IV – Lautsprecher, die ich bis heute vermisse.
Was damit passiert ist, das ist eine lange, andere Geschichte.
Und nun schließt sich ein Kreis.

Vom Rausch der Verfügbarkeit zur Sehnsucht nach Echtheit

Dazwischen: CDs, iPod, Spotify.
Mit CDs konnte ich mich nie so richtig anfreunden.
OK – pflegeleicht, aber gesichtslos.

MP3? Praktisch mit Ohrhörern, bis heute. Aber mehr nicht.
Streaming? Erst Begeisterung, dann die große Langeweile.
Musik wurde immer verfügbarer, beliebiger konsumierbar.
Genuss sieht anders aus.

Jetzt nehme ich wieder eine Platte aus der Hülle. Papier, kein Plastik. Ich kontrolliere die Oberfläche, setze den Tonarm auf die erste Rille. Ein kurzes, manchmal langes Knistern – dann beginnt die Musik.

Und sie ist wieder da: körperlich, greifbar. Nicht perfekt, aber echt.

Man hört eine Plattenseite durch. Man springt nicht. Man folgt.
Musik wird wieder ein Erlebnis. Kein Feature, kein Algorithmus. Einfach Musik.

Digitalisierung ist immer Abstraktion

Digitalisierung macht vieles einfacher, schneller – aber auch flacher.
Was digitalisiert wird, ist nie die Welt selbst.
Es ist immer nur ein Abbild, ein Modell, eine Übersetzung in Einsen und Nullen.
Sie glättet, reduziert – und serviert uns die Realität als kulturelles Fertiggericht.

Aber wir nehmen die Welt nicht binär wahr. Wir hören Zwischentöne, wir spüren Übergänge.
Wir sehen Risse, Schatten, Grautöne – keine Pixel. Wir denken analog – mit allen Unschärfen, Widersprüchen, Feinheiten.

Und genau das geht verloren, wenn wir alles digitalisieren:
Das Spüren von Dingen, die sich nicht messen, nicht scrollen, nicht kategorisieren lassen.

Die Schallplatte erinnert uns daran. Sie speichert keinen Code – sie trägt Spuren.
Und diese Spuren bringen eine Nadel zum Schwingen.
Ein analoger Vorgang. Kein Algorithmus. Kein Filter. Nur Klang.

Die Welt als Karte – oder doch lieber als Erfahrung?

Jorge Luis Borges erzählt die Geschichte eines Landes, das eine perfekte Karte wollte – Maßstab eins zu eins.
Am Ende war die Karte so groß wie das Land selbst – und völlig nutzlos.

Wie unsere Daten. Unsere Clouds. Unsere Abbilder.

Großsegler und Windkraft: Die Rückkehr des Spürbaren

Vielleicht ist es genau das, was uns an Segelschiffen so fasziniert:
Wir sehen, wie sie funktionieren.
Der Wind drückt. Das Ruder lenkt. Die Technik ist sichtbar, begreifbar, analog.

Heute erleben wir, wie diese alte Technik zurückkommt.
Neue Transportschiffe setzen wieder auf Wind.
Nicht aus Romantik – sondern weil es ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist.
Ein radikaler Gedanke in einer Welt, die sich an fossile Bewegung gewöhnt hat.

Die SAIL in Bremerhaven: Technik zum Anfassen

In Bremerhaven feiern wir alle fünf Jahre die SAIL.
Ein Fest der Windjammer – groß, schön, entschleunigt.

Eine Technik, die keine Bedienungsanleitung braucht.
Man muss sie erleben. Kein YouTube-Video ersetzt das Gefühl, an Deck zu stehen.

Diese Schiffe funktionieren nicht gegen, sondern mit der Welt.

Wie eine Schallplatte.
Kein Algorithmus. Kein Update. Nur Musik. Nur Bewegung. Nur Wind.

Vinyl vs. CD: Was ist nachhaltiger?

Vinyl ist nicht nachhaltig – jedenfalls nicht auf den ersten Blick.
Schallplatten bestehen aus PVC, einem Kunststoff, der in der Herstellung energieintensiv ist.
Recycling? Kaum möglich.

Aber: Niemand wirft eine Schallplatte weg.

LPs werden gesammelt, getauscht, weitergegeben.
Sie sind physisch, kulturell, emotional aufgeladen.
CDs dagegen? Massenware. Vergänglich. Plastik mit Bitcode.

Vinyl ist kein grünes Produkt, aber vielleicht ein ehrlicheres.
Seine Langlebigkeit, seine Wertschätzung – das ist eine andere Form von Nachhaltigkeit.

Fazit: Was ist mit dieser Welt passiert?

Wenn ich heute meine alten LPs auf dem Plattenteller sehe – neu gepresst, aber mit denselben Rillen wie damals – dann kommt da mehr zurück als nur Musik. Erinnerungen. Eine Zeit, in der wir Wert darauf gelegt haben, individuell zu sein, nicht nur dazuzugehören.
Eine Zeit, in der sexuelle Befreiung, politischer Protest und musikalische Vielfalt nebeneinander existierten. Jeder konnte sein, wie er war – oder zumindest hatte man diesen Traum.

Und wenn ich dann in die Gegenwart blicke, frage ich mich manchmal:
Was ist eigentlich passiert?

Warum scheint heute alles so glatt, so eingeordnet, so etikettiert?
Warum wirken so viele, die sich für „cool“ halten, eigentlich eher wie perfekt gestylte Spießer, nur in neuer Verpackung?

Früher haben wir uns gegen die Mächtigen gestellt – heute werden sie bewundert, gestreamt, zitiert.
Früher war Musik ein Fenster in andere Welten – heute oft nur noch Hintergrund für Algorithmen.

Wenn ich eine Zeitreise gemacht hätte – aus den 70ern in diese Welt –, ich hätte vieles nicht geglaubt. Wie schnell man sich verkauft. Und wie stolz man dann noch darauf ist.

Tja. So eine sich drehende Scheibe macht was mit einem.

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