Es gab eine Partei, die nannte sich Bürger in Wut. Das kam an, aber es klang nach Fäusten, also gab man sich einen seriösen Namen und ein Bündnis im Titel. Dann zeigte sich, dass die Wut besser zog als die Seriosität. Man holte sie wieder hervor, jetzt in guter Gesellschaft, bei denen, die sie schon länger pflegen. Der Schafspelz blieb im Schrank.
Eine Lokalposse
Das ist eigentlich eine kleine Lokalposse aus meiner Heimatstadt, aber sie steht auch für die Zeit, in der wir leben. Ein Beitrag in The Atlantic ließ mich darüber nachdenken.
https://www.theatlantic.com/family/2026/10/ai-family-text/688962/Der Filter
Olga Khazan beschreibt etwas, was ich zum Teil auch tue: Man schreibt einen Text, bei mir sind es oft Kommentarentwürfe, in dem man seinen Emotionen freien Lauf lässt, und lässt diesen Text dann durch eine KI laufen, um ihn zu entschärfen. Mir ist mein eigenes Verhalten aufgefallen, und ich schraubte zumindest bei längeren Texten zurück. Was nämlich passiert, ist, dass man sich daran gewöhnt, Texte mit ungefilterten Emotionen zu schreiben. Klar, auch wenn man eine E-Mail schreibt, sollte man das erst einmal außerhalb des Mailprogramms tun, damit man nicht einen Text sendet, den man später bereut. Als ich das schon vor längerer Zeit bemerkte, begann ich, Texte, die mir wichtig sind, auf Papier zu schreiben, am besten sogar mit Füllfederhalter (wenn er nicht gerade ausgetrocknet ist). Auf Papier kann man nichts ändern. Durchstreichen, radieren, aber auch dann bleibt immer ein Rest stehen. Diese Körperlichkeit des Schreibens schützt davor, Worte auf Papier zu bringen, die man schon bereut, wenn sie dort stehen. Diesen Text schreibe ich auf einem Laptop, einfach weil ich meine spontanen Gedanken nach dem Lesen des Atlantic-Beitrags aufschreiben will.
Das kurze Verharren
Dieses kurze Verharren, um nachzudenken, wen man mit seinem Text verletzen könnte (manchmal verletzt man sich auch selbst), fehlt im Netz, und sein Fehlen ist wahrscheinlich auch der Grund für die Verrohung des Tons dort. Selbst auf Bluesky gibt es mittlerweile genug Beispiele.
Dieses Verhalten ist nicht neu, und man kann seine Wut auch aufschreiben und dann das Papier in den Häcksler geben, das hilft.
Wer sich Wut nennt
Wenn Menschen, die politische Verantwortung übernehmen wollen, also als Partei auftreten, sich selbst als Bürger in Wut bezeichnen, sagt das nicht nur viel darüber aus, wie sie sich, quasi ohne Filter, sehen, sondern auch, wie sie die Welt sehen, aus der sie sich Stimmen erhoffen.
Ich sehe dich
Ein Beitrag im Atlantic beschreibt eine politische Denkrichtung, die von toxischer Empathie spricht.
https://www.theatlantic.com/ideas/2026/09/maga-right-christianity-empathy-toxic/688755/Sie meint Mitgefühl, das dazu führt, dass der eigene Bereich gefährdet wird. Empathie als Begriff kann von keinem Adjektiv begleitet werden, weil sie bedingungslos ist: „Ich sehe dich“ ist ihr kleinster Baustein und heißt, den anderen zu sehen, egal wie man zu ihm steht.
Empathie ist anstrengend, man muss in sich gehen, um sie zu sehen und in sein Handeln umzusetzen. Wenn man Empathie unter Bedingungen stellt, hat man schnell das System, das Menschen in Gruppen aufteilt, selektiert, und der Begriff Selektion löst in jedem Deutschen, der sich nicht ganz aufgegeben hat, das Gefühl aus, das ich meine.
Nicht mehr in uns hören
Mein Beitrag auf Bluesky
Wenn wir beginnen, nicht mehr in uns zu hören, unsere Gefühle zu sehen, einzuordnen und uns zu fragen, was sie in der Welt außerhalb unseres eigenen Kosmos bedeuten, und dafür als Filter eine KI brauchen, dann verlieren wir uns langsam selbst. Denn die, die ihre Wut auf die Fahne schreiben, brauchen keine KI, um ihre Wut zu filtern, sie nutzen sie, um ihre Ziele zu erreichen, die nicht viel mit Empathie zu tun haben.
Dieses Thema ist ein Zeichen unserer Zeit und sagt mehr über uns aus als Studien und politische Kommentare.
Wer fängt mich auf?
Wut tut uns nicht gut. In dieser Zeit der wütenden Bürger und der Wutkommentare kommt ein Effekt hinzu: Wir vereinsamen immer mehr.
https://www.theatlantic.com/culture/2026/09/convenience-loneliness-bullard/688791/Warum? Darüber wird viel geschrieben. Mein Gefühl? Vielen fehlt der soziale Übungsraum, der soziale Safe room, den viele in meiner Generation noch kennengelernt haben in ihrem Wohnumfeld, auch in der Schule. Klar, Mobbing ist nicht neu, aber vor dem Netz gab es unter uns Auffangnetze, die dazu geführt haben, dass man nicht ins Bodenlose fiel. Aber wer sollte mich heute, wenn sich alles im Netz abspielt, auffangen?
Wenn KI als Filter eingesetzt wird, kann das sicher einiges abfangen, aber es bedeutet auch, dass wir etwas Wesentliches verlernt haben, was Menschen ausmacht: zu wissen, dass es andere Menschen gibt, die wir mit dem, was wir tun, verletzen können.
KI als Filter ist mir lieber als ungefilterte Wut.