Hinter den Spiegeln der AFD.

Meinungsbeitrag, der persönliche Eindrücke wiedergibt

Irgendeine Stadt in Deutschland, irgendein Italiener. Wir warten auf unser Essen. Am Nebentisch eine Gruppe, nicht zu überhören: freundlich wirkende, unauffällige Menschen, die nach Ruhestand oder kurz davor aussehen. Das Gespräch dreht sich lange um Reisen, Fernreisen in allen Variationen, man tauscht Tipps aus. Es sind offensichtlich teure Reisen, und man plant schon die nächsten. Dann dreht sich das Gespräch, es wird politisch, so politisch, wie man es kurz vorm Essen hält. Kurz hören wir das Wort AfD, ein „Pst“ kommt sofort danach. So bürgerlich, wie man sich sieht, nimmt man das Wort nicht in den Mund. Dann kommen Wortfetzen herüber: Siegmund, der werde die in Bonn aufmischen, die CDU sei doch schon links … Die Richtung lässt sich erahnen, noch diffus.

Ich war ein wenig perplex, als ich diese Wortfetzen hörte. Von Menschen, die ihre Situation offensichtlich genossen und durch ihre Reisen zeigten, dass sie zumindest weltoffen sind, wenn sie ihr Zuhause verlassen, hätte ich das nicht erwartet. Die CDU als links zu bezeichnen, da musste ich erst schmunzeln. Aber wenn ich die Situation in Berlin sehe, ist mir das Schmunzeln vergangen. Es ist schon seltsam: Eigentlich dachte ich immer, ich wäre links, und habe aktuell das Gefühl, dass gerade die CDU, die ich lange eher als Gegner gesehen habe, die demokratische Fahne hochhält.

Dann geht das Gespräch weiter in Wohlstandsgefilden, bei den Reisen.

Wir irren uns, wenn wir meinen, der Aufstieg der AfD hätte etwas mit konkreten Problemen zu tun. Gerade dieses Gefühl einiger, man müsse es den Etablierten in Berlin zeigen, da laufe etwas falsch, obwohl im eigenen Leben offensichtlich alles richtig gelaufen ist, wie die Reisen zeigen, ist ein Gefühlskosmos des Diffusen, den sich die AfD zunutze macht. Viele projizieren in die AfD etwas hinein, was sie eigentlich gar nicht liefern kann und will.

Deutschland ist nicht arm, und dem Land geht es besser, als die Meldungen vermuten lassen. Die Probleme sind lösbar, und was wir in Industrie und Wirtschaft erleben, sind Prozesse, die es schon immer gegeben hat. Kein 1933. Aber diese Sattheit macht uns offenbar nicht zufrieden, sondern unzufrieden, weil wir wohl meinen, wir wollten mehr, oder weil andere es uns nehmen wollten.

Abends die heute-show. Daniel Köster im Magdeburger Landtag, er fragt Siegmund, ob es nicht peinlich sei, die Machtergreifung auf Dezember zu verschieben. „Nein, überhaupt nicht.“ Wenig später, Kösters Pointen laufen ins Leere: „Wir haben die Demokratie wieder lebendig gemacht.“ Man versucht, der AfD mit Humor zu begegnen. Siegmund, der Schwiegermuttertraum: Er legt sich nicht fest, bietet kein Profil, an dem man sich festhalten könnte. In ihm kann sich jeder irgendwie spiegeln.

Ein Rezept gegen die AfD? Schwer. Man muss sie ernst nehmen, ausgrenzen, sie sind die Aggressoren, nicht die Retter. Aktuell sind sie politisches Teflon, alles prallt ab. Es fehlen Persönlichkeiten in den demokratischen Parteien, die der AfD mit Profil entgegentreten können. Pistorius hat gezeigt, wie das gehen könnte, aber er allein reicht nicht.