Storm

Storm: Männer, Verletzlichkeit und Ballett in Bremerhaven

Meinungsbeitrag, Stand: . Dieser Text entwickelt sich und ist nicht statisch.

Es gibt kaum ein Musikvideo, das mich in letzter Zeit so beeindruckt hat wie „Storm“. Es gibt mehrere Versionen der Performance, aber um die ganze Wucht zu verstehen, eignet sich nur die lange.

Das Video: GENER8ION – STORM starring Yung Lean

Storm: ein Schulhof in naher Zukunft

Mein Bluesky-Beitrag zum Video „Storm“ von Gener8ion mit Yung Lean

Auf den ersten Blick sehen wir die oft erzählte Gewalt- und Mobbingszenerie an englischen Schulen. Das Video spielt in naher Zukunft, an den Schuluniformen hat sich wenig geändert, und die Typen wirken fast wie Klischees: der Schulbully, gestützt von einer Gruppe junger Männer, die eher auf Spektakel aus ist. Nur passt nicht ins Bild, dass er jemanden beschützt und in seine Rituale einbezieht, den man eher als Underdog sehen würde.

Dann der erste Bruch. Er reißt einen Sendemast nieder, in dieser Zukunft einen 6G-Mast, und schlachtet die Sendeeinheit im Klassenzimmer aus. Es sieht aus wie eine Unterrichtsstunde: Die anderen sitzen und schauen, er steht vorn und zeigt, wie es geht. Was er mit dem Material macht, lässt das Video offen. Für mich sieht es aus, als fülle er die Reste in eine Pfeife und nehme sie als Droge.

Die Wucht dieser Szenerie kommt erst zur Geltung, als der Song und die Choreografie beginnen. Die optische Kraft hat wahrscheinlich dazu geführt, dass das Video viral ging; auf YouTube gibt es reichlich Nachahmer. Wir sehen hier Tanz in seiner reinsten Form.

Aber zusammen mit der Vorgeschichte zeigt die Choreografie etwas anderes. Den Protagonisten sehen wir fast bewegungslos, unbeteiligt, apathisch in der Mitte (in der Bühnenversion leckt er an einem Eis), optisch von der Gruppe eingerahmt und doch distanziert. Die jungen Männer um ihn führen Bewegungen aus, die teils aggressiv, teils unbeholfen, koordiniert und verletzlich wirken. Es bleibt der Eindruck des Hin-und-her-Gerissenseins, das in Verletzlichkeit endet: hilflos in einer Welt voller Gewalt, aus der sie Auswege suchen. Das spiegelt sich auch im Text, der eher aus Fragmenten besteht.

Warum hat mich das Video so getroffen? Wegen der Verletzlichkeit von Männern in einer Welt, in der von ihnen Gewalt erwartet wird.

Jeder kennt diese Schulsituationen und die späteren, die vom Mann etwas verlangen: Verletzlichkeit will man nicht sehen. Männer sind Täter, so die Erzählung der Zeit, die man wohl gut mit „woke“ umschreiben kann, obwohl der Begriff schlicht falsch ist. Aber jeder weiß, was damit gemeint ist. Aktuell wird die Verletzlichkeit von Männern eher von oben herab behandelt: Sie haben ja auch Gefühle. Von der anderen Seite erleben Männer die Manosphäre; sie sollen, so die AfD und ihre Konsorten, einfach Männer sein.

Die Männer selbst sind dazwischen gefangen, und genau da setzt das Video an.

Tanzrausch am Stadttheater Bremerhaven

Bremerhaven, Ballettpremiere am 10.10., „Tanzrausch“. Auch dort hatte ich es so nicht erwartet. Der Beipackzettel beschrieb eher abstrakt Stücke, die sich mit Gruppendynamik auseinandersetzen: einbezogen, abgegrenzt, Gefahr von außen, geschützt, bedroht. Die zweite Choreografie, „In This Quiet“ von Rachelle Anaïs Scott, hat mich mit der gleichen Wucht gepackt. Das Thema blieb: Gruppe, Einzelne, Ausgrenzung. Aber das Framing hatte sich geändert. Die Tänzer trugen dunkles Militärgrün, die Farbe der Felduniform, im Hintergrund hörte man Einschläge von Granaten, und beides veränderte, was man sah. Männer und Frauen, getrennt und bedroht, suchten ängstlich Nähe, grenzten sich ab, waren verletzlich. Im Programmheft steht davon nichts. Da war sie wieder, diese Verletzlichkeit, die der Frauen in der Kampfsituation, aber auch die der Männer.

Männerbilder zwischen Gewalt und Verletzlichkeit

Ich will das nicht nur sozial, politisch oder emotional deuten. Aber es gibt Gründe, warum gerade viele Männer immer einsamer werden, sich abgrenzen und oft genug eine Seite wählen, die ihnen nicht guttut.

Gerade autokratische und rechte Systeme vermitteln eine Fratze von Männlichkeit: ein Bild von Männern, die von Gewalt vollkommen unbeeindruckt sind und ihrem Testosteron freien Lauf lassen, als Gegenentwurf zu einem Frauenbild, das sich ganz unterordnet. Solche Männerbilder finden wir oft auch in Religionen. Auch die Konstruktion eines Mannes, der gegen seine Männlichkeit ankämpft, wie sie alternative Gesellschaftsentwürfe fast turnusgemäß hervorbringen, hilft nicht weiter. Was Männer ausmacht, ist der Versuch, ihre innere Zerrissenheit zwischen Gewalt und Verletzlichkeit auszugleichen. Das ist nicht nur eine Entwicklungsphase, reichlich dargestellt auch in der klassischen Literatur, sondern ein immerwährender Prozess.

Rambo: der Zusammenbruch am Ende

Auch wenn ich gescholten werde: Ein Film zeigt diese Zerrissenheit deutlicher als viele Statements, Studien und Ratgeber, Rambo mit Sylvester Stallone. Als Sinnbild des Kämpfers spielt Stallone einen innerlich kämpfenden Mann, der am Ende zusammenbricht. Über die späteren Rambo-Filme breiten wir lieber das Tuch des Schweigens, aber der erste zeigt etwas, das ich im Video wiedergesehen habe. In einem Interview mit der New York Times sagt Stallone genau das: Der Zusammenbruch am Ende sei so nicht geschrieben gewesen, er sei aus ihm herausgekommen, weniger gespielt als gefühlt, in einem einzigen Take. Das alles kam mir beim Ballett im Stadttheater Bremerhaven in den Sinn.

Mehr Ballett für alle

Von einem Video über ein Ballett bis zu Rambo. Ballett ist nicht nur gut für einen vergnüglichen Abend. Gerade modernes Ballett, wie ich es im Stadttheater Bremerhaven gesehen habe, und auch das Musikvideo können Kaskaden von Gedanken auslösen. Das ist wichtig in einer Gesellschaft, die Gefühle gerne kanalisieren, einordnen und Identitäten zuordnen möchte. Das Ballett muss wieder einen präsenteren Platz in unserer Kulturlandschaft einnehmen, und diese muss für alle offen sein. Das Musikvideo hat hoffentlich die Wirkung, die ich mir wünsche: dass man Interesse daran bekommt, tanzende Männer zu sehen. Und von Rachelle Anaïs Scott würde ich gern bald mehr Arbeiten sehen.


Zum Video: Spencer Kornhaber im Atlantic, ein Interview mit dem Choreografen Damien Jalet: The Breakout Music Video of the Year Has a Message for Men. What Is It?