Sachsen Halt!

Drei Tage ist es her. 43,8 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt, der höchste Stimmenanteil einer Landtagswahl im Osten seit der Wende, die CDU ungefähr halbiert, Rekordwahlbeteiligung von 77,8 Prozent. Man kann jetzt Erklärungen suchen. Man wird viele finden, die mit Zahlen arbeiten, mit Arbeitslosenquote (8,2 Prozent, das ist nicht katastrophal), mit Wirtschaftsdaten, mit Infrastruktur. Man wird wenig finden, was erklärt, warum ausgerechnet dort, wo es dem Land nicht besonders schlecht geht, eine Partei fast die Hälfte holt. Vielleicht muß man da anders rangehen. Nicht mit Fakten. Mit Verlustaversion.

Der Lottoschein

Ich habe jahrelang Lotto gespielt. Sehr viel Geld investiert, sehr wenig zurückbekommen. Warum macht man das überhaupt? Weil man, einmal drin im Rhythmus, Angst hat, den einen Samstag auszulassen, an dem dann die eigenen Zahlen fallen. Ob man immer dieselben Zahlen tippt oder jedes Mal andere, ändert an der Wahrscheinlichkeit fast nichts. Trotzdem hält man fest. Man tippt weiter, aus Angst vor einem Verlust, der real gar nicht existiert.

Die Bücher hinter mir im Regal funktionieren nach demselben Muster. Einen Teil davon habe ich gelesen, einen großen Teil nicht, manche nach zehn Seiten abgebrochen. Trotzdem stehen sie da. Wegstellen tut weh, wegwerfen erst recht. Wer Aktien hortet, die seit Jahren nichts bringen, kennt das Gefühl: vielleicht ist genau diese Firma der nächste große Wurf, und ich verpasse ihn, wenn ich jetzt verkaufe. Man hält an Verlusten fest, aus Angst, einen noch größeren zu verpassen. Das ist keine ökonomische Kategorie. Das ist eine emotionale.

Die verarschte Generation

Was hat das mit Sachsen-Anhalt zu tun? Man muß sich die DDR ansehen, genauer: den Mythos DDR, und wie die Wende dort erlebt wurde, anders, als sie im Westen erzählt wird. Wir hatten verwandtschaftliche Verbindungen drüben. 1990 haben wir noch mit Ostgeld bezahlt, das schon damals keiner mehr haben wollte. Wir waren mehrfach drüben und haben die Geschichten gehört: windige Händler aus dem Westen, die nach 89 in den Osten zogen und überteuerte Bettwäsche verkauften. Gebrauchtwagen, die man hier nicht mehr losbekam, gingen nach Osten und wurden dort für teures Geld verscherbelt. Wenn heute Leute sagen, sie seien damals verarscht worden, ist das nicht von der Hand zu weisen. Sie wurden es.

Dazu kommt, daß es in der Erzählung der DDR keine Nazis gab, die seien alle in den Westen gegangen, was natürlich Unsinn ist. Die NS-Vergangenheit wurde im Osten nie vernünftig aufgearbeitet, latenter Rassismus war kein Thema, obwohl er da war, siehe die Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter. Und dann die Wiedervereinigung: versprochen wurden die D-Mark und blühende Landschaften. Gekommen ist die Abschaffung der D-Mark, der Euro, eine immer weiter ausgedehnte EU. Ein Teil der heutigen AfD-Wähler hat davon selbst kaum etwas miterlebt, dafür sind viele zu jung. Der Erfolg der Partei zieht sich trotzdem durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten.

Rückwärts in die Zukunft

Die AfD kommt heute mit genau dieser Erzählung. Die D-Mark soll zurück, die EU auf eine reine Wirtschaftsgemeinschaft zurückgestutzt werden, und an allem sind ohnehin die Migranten schuld, die einem die Jobs wegnehmen. Mit Fakten hat das wenig zu tun, mit Emotion sehr viel. Deshalb funktionieren soziale Medien für diese Partei so gut, Memes und Kurzformate transportieren genau diese Emotionalität, während man im Fernsehstudio noch diskutiert.

Verwaltung statt Politik

Und genau dieses emotionale Ansprechen der Menschen hat die etablierte Politik lange nicht mehr geleistet. Man betrachtet Politik als Verwaltungsaufgabe, nicht als etwas, bei dem man die Leute mitnimmt. Die Rentenreform ist ein gutes Beispiel: sachlich vernünftig, meines Erachtens sogar noch zu vorsichtig, trotzdem zieht die Regierung sie nicht einfach durch, sondern schlingert. Die Menschen sehen eine Rumeierei und den Eindruck, es gehe allen Beteiligten vor allem um den Erhalt der eigenen Posten.

Wohin, nicht wo

Der Soziologe Hartmut Rosa hat der Süddeutschen Zeitung nach der Wahl ein Gespräch gegeben, das in dieselbe Richtung zeigt. Seine These: Wahlentscheidungen hängen nicht so sehr davon ab, wo jemand steht, sondern wohin er zu gehen glaubt. Die meisten AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt sind nicht arm und fürchten nicht unmittelbar um ihren Job. Aber die alte sozialdemokratische Erzählung, wir haben wenig, doch unseren Kindern wird es besser gehen, ist gekippt. Das Gefühl heute lautet: wir haben noch ziemlich viel, aber unseren Kindern wird es schlechter gehen. Genau das ist Verlustaversion, nur nicht auf den Kontostand bezogen, sondern auf die Richtung.

Rosa beschreibt außerdem, wie Menschen sich von Hüllen umgeben denken, die eigene Haut, das Haus, das Dorf, das Land, und wie jede staatliche Maßnahme, die als Eingriff in diese Hüllen erlebt wird, Heizungsgesetz, Coronaauflagen, dieselbe Abwehrreaktion auslöst. Wer dann noch öffentlich-rechtlich als Feind der Demokratie einsortiert wird, sagt irgendwann, in Rosas Worten, „Dann bin ich halt ein Nazi“. Nicht weil er einer ist, sondern weil ihm nichts anderes mehr übrigbleibt. Das ganze Gespräch: [Süddeutsche Zeitung]

Bremerhaven, im Kleinen

Das gilt auch kommunal, und das ist genau das, was uns hier beschäftigt. Eine Parteiblase, seit ewigen Zeiten dieselbe SPD, die sich ihre Posten zuschachert. Viele erleben Bremerhaven als dysfunktional. Das ist eine gefährliche Ausgangslage, wenn Parteien wie die AfD oder ihre kommunalen Kopien vor der Tür stehen. Wer welche das sind, kann sich jeder selbst denken.