Baut der Bohrmuschel ein Denkmal
Über einen Mitbewohner, ein bekanntes Muster und ein Silodenken, das 70 Jahre überdauert hat
Bremerhaven feiert 2026 einen Mitbewohner, der seit 70 Jahren dokumentiert ist. Die Bohrmuschel (Teredo navalis).
Sie brachte Kajen und Molen zum Einsturz und ist im Jahr 2026 der heimliche Medienstar in Bremerhaven.
Die Politik tut überrascht, invasive Art (?); konnten wir nicht ahnen, was die anrichten kann.
Bereits 1758 urkundlich erwähnt, also älter als Bremerhaven. Die Niederländer hatten mit ihr schon ihre liebe Not. Die Nordseeküste entdeckte die Muschel ab 1924 und fand dort ein willkommenes Frühstücksbuffet mit All-you-can-eat-Angebot. Gut dokumentiert.
1956 hatte sie dann ihren ersten offiziellen Nordseeauftritt:
Der Wasserbauingenieur Adolf Hahn legt im Auftrag des Küstenausschusses Nord- und Ostsee einen Bilanzbericht vor: ein sechsstufiges System zur Messung des Befalls, konkrete Fallzahlen (am Steubenhöft in Cuxhaven schrumpfte der mittlere Pfahldurchmesser von 45 auf 15 Zentimeter), die exakte ökologische Schwelle (Salzgehalt ab etwa 9 ‰ über längere Zeit, in Kombination mit Wärme) und eine klare Handlungsempfehlung: kein Holz mehr in gefährdeten Zonen, sonst Volltränkung oder Hartholz.
Das war nicht nur eine Warnung, sondern eine Prognose, wie sie nur Ingenieure erstellen können: Schadensprognose samt Lösungsvorschlag.
Bremerhaven bis 1952: Befall = 0.
Cuxhaven: Stufe von 3 auf 5–6.
1956 fühlte sich die Bohrmuschel in Bremerhaven nicht sehr wohl, der Salzgehalt in der Weser reichte ihr so wenig, wie ein ungesalzenes Frühstücksei den wenigsten schmeckt.
Aber sie hatte Geduld, die sich für sie auszahlte.
Bremerhaven wäre nicht Bremerhaven ohne die Fähigkeit, Eigentore zu schießen. Man hatte natürlich Wichtigeres zu tun, als sich um eine Muschel zu kümmern.
Mit jeder Weservertiefung, die immer als alternativlos dargestellt wurde, wurde die Brackwassergrenze weiter ins Landesinnere verschoben, es wurde salziger, was die Bohrmuschel freute – die fühlte sich nun willkommen.
Der Wasserbau kannte seit 1956 die Salzgehalt-Schwelle,
der Hafenausbau traf Entscheidungen, die genau diese Schwelle verschoben.
Beides wurde schlicht nicht zusammengedacht.
Silodenken.
Was hätte man tun sollen?
Banal: an veränderte Bedingungen in der Weser herantasten, Wirkung beobachten, Problem eingrenzen, nachsteuern. Eine Weservertiefung ist kein Ereignis, sondern ein Prozess mit Rückkopplungen – genau das hatte Hahn schon 1956 beschrieben mit seinem Stärkegrad-System und seinen Versuchsstationen: messen, dokumentieren, anpassen. Fortwährend.
Die Weservertiefung war nie ein technisches Projekt, sondern ein politisches. Die Politik in Bremerhaven liebt seit Jahrzehnten die große Geste: Leuchttürme, Prestigeprojekte. Sie ist im Fegefeuer der Eitelkeiten gefangen. Man liebt einweihen, feiern, fotografieren lassen. Was unterhalb dieser Wahrnehmungsschwelle und dem Wasserspiegel geschieht – Salzgehalt in der Fahrrinne, der Zustand eines Kaipfahls, eine uralte Studie von 1956 – hat in dieser Logik keinen Platz.
„Wir haben den Salzgehalt im Blick“ – das steht in keinem Parteiprogramm, das kommt in keiner Wahlkampfrede vor.
Der Ingenieur weiß, dass er nicht alle Folgen einer Maßnahme vorab überblickt. Die Politik arbeitet mit der großen Entscheidung, die sich als Erfolg inszenieren lässt. Ich denke an die Kita-Eröffnungen, obwohl der demografische Wandel sagt, es gibt zu viele.
Eine Fahrrinnenvertiefung lässt sich feiern. Eine vorsichtige, schrittweise Beobachtung ihrer Nebenwirkungen über Jahrzehnte nicht.
Das ist keine Lokalposse, sondern ein Grundmuster, wie man auf langsame, selbstverursachte Prozesse reagiert.
Die Reaktion auf den menschengemachten Klimawandel folgt demselben Drehbuch. Die Physik der (Treibhaus-)Gase ist seit Arrhenius (1896) bekannt, zumindest wer in der Schule Physik im Grundkurs hatte, und seit 1990 gibt es IPCC-Berichte mit Zahlen, Schwellenwerten und Handlungsempfehlungen, auch in Kurzform für die Politik.
Hitzesommer 2026, 16.000 Übersterblichkeitsfälle in einer Woche. Die Reaktion? Verwunderung, nicht Vorbereitung. 2026 verabschiedet sich der IPCC von der 1,5-Grad-Marke als realistisches politisches Ziel, weil eine Überschreitung ab den 2030ern als praktisch unvermeidbar gilt. Die Wissenschaft hat sich nicht geändert – die Realität hat sie überholt.
Parteien wie die AfD, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, lügen die Menschen an – und führen in den Umfragen, als wollten die Menschen genau das.
Die restliche Politik ist unfähig zu handeln, wie Mogli in Kaas Fängen.
Warum tun wir das?
Shifting Baseline Syndrome (Daniel Pauly): Jede Generation hält den Zustand, den sie seit Kindesbeinen kennt, für normal.
Creeping Normalcy (Jared Diamond): Schrittweise Verschlechterung wird nicht als Krise wahrgenommen. (Der Frosch im Kochtopf, der ganz gelassen bleibt, weil sich die Temperatur ja nur langsam erhöht.)
Günther Anders‘ „Apokalypse-Blindheit“: Unsere Vorstellungskraft hält nicht Schritt mit dem, was passiert. Was wir uns nicht vorstellen können, darf nicht wahr sein.
Das Muster: ein langsamer, selbstverursachter, sich selbst verstärkender Prozess; eine politische Struktur, die auf große Gesten statt auf reale Bestandsaufnahme und reale Lösungen setzt; eine Öffentlichkeit mit niedriger Aufmerksamkeitsschwelle und Dopaminabhängigkeit. Einer muss schuld sein: die Grünen, Bremen – konnte doch keiner ahnen.
Bei der Bohrmuschel: Containerschiffe aus fernen Ländern, und Bremen.
Beim Klimawandel: was können wir schon tun, China und die USA sind es doch.
Es ist immer der andere.
In dieser Logik nimmt Bremerhaven eine Spitzenposition ein. Probleme diskutieren und dokumentieren, das kann Bremerhaven gut. Probleme lösen, wenn politisch nichts dabei herauskommt, oder wenn es unser bequemes Leben im Hier und Jetzt gefährden könnte – das ist nicht so das Bremerhaven-Ding.
Der Bohrmuschel sollte man ein Denkmal bauen. Sie ist das Symbol, das Wappentier unserer Gesellschaft und unserer Stadt. Sie hat gezeigt, was wir falsch gemacht haben – und noch immer nicht kapieren.
Das Video zum Thema: