RED

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Mir war erst nicht klar, wofür RED eigentlich steht, Rotterdam, also ROT! Es passt also in beiden Sprachen.

Ein Kurzurlaub in Rotterdam. Wir waren schon vor Jahren dort gewesen. Nun hatten wir uns vorgenommen, die Stadt besser kennenzulernen. Erst die touristischen „Must See“ abhaken, dann die Stadt kennenlernen.

Wir erkundeten auch die Nebenstraßen, die etwas schmuddeligen Ecken. Es ist eben eine Hafenstadt: die große Konkurrentin Bremerhavens. Vom Hafen selbst haben wir nichts gesehen, Hafen haben wir selbst.

Die Stadt ist spannend, es wird viel gebaut. Aber irgendwie anders. Während in Deutschland noch die architektonische Lego-Phase vorherrscht, des Maklers feuchten Traum der Quadratmeter-Optimierung, baut man in den Niederlanden mutiger. Selbst die Hochhäuser sehen interessanter aus als das, was man in Bremerhaven baut und am neuen Hafen oder bald an der Geeste sieht. Irgendwie peinlich.

Ich mag diese pragmatische Denkweise der Niederländer, immer nah am Menschen.

Ein Beispiel? Wenn ich mit der Metro fahren will, mit der Regionalbahn oder mit dem Bus, dann checke ich am Start mit der EC-Karte ein und am Ziel wieder mit der EC-Karte aus. Das System errechnet den besten Fahrpreis und bucht ihn ab. Klasse Idee, das System ist relativ neu und hat noch Macken.

So wurden uns 33,30 € vom Konto abgebucht, der Betrag, der erhoben wird, wenn man vergessen hat, sich auszubuchen. Aber wir hatten uns, ganz die Deutschen, vorschriftsmäßig in der Metrostation Blaak ausgebucht. Für 33,30 € hätten wir die ganze Niederlande mit Regionalzügen bereisen können, denke ich. Auch gut zu wissen.

Die Rückbuchung klappt reibungslos, kein Geschreibe, kein Formular, man kann das Auschecken online nachholen, das Geld kam prompt zurück. Einfach, praktisch, gut.

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Die Parallelität der Ereignisse:

Während wir Urlaub machten, hörten wir vom Anschlag in Berlin: der Anschlag auf die queere Gemeinschaft durch einen jungen Islamisten.

Gleichzeitig: Summer Carnival in Rotterdam!

Seit 44 Jahren gibt es ihn und ein immaterielles Kulturerbe: über 40 Wagen, karibische und afrikanische Rhythmen, Samba, Salsa, Menschen aus Dutzenden Nationen, die einfach an der Straße stehen, auf den Straßen tanzen und feiern.

Die Menschen hatten sich schon Stunden vorher ihre Plätze am Straßenrand gesichert, hatten zu essen und trinken mitgebracht, manche hatten einen Grill aufgestellt und warteten, lachten, tanzten, quatschten mit Freunden, bis der Umzug kam. Die Vorfreude war Teil des Carnevals.

Was dann kam, war Lebensfreude pur. Das Leben feiern, das war die Lektion.

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Dann die Nachrichten und Kommentare zum Anschlag in Berlin.

Religionen, deren Geschäftsmodell der Tod ist, das Versprechen, dass er nicht das Ende ist, und die deshalb meinen, über das Leben aller anderen bestimmen zu dürfen, Religionen, die meinen, sie kennen Gottes Plan.

Jede Religion lebt von dem Versprechen, dass es nach dem Tod weitergeht, das ist ihr eigentliches Fundament, und dagegen ist nichts zu sagen. Ja, in Mexiko feiern sie den Tod, aber sie feiern! Der Tod gehört zum Leben, warum nicht mit den Verstorbenen sprechen, was kommt nach dem Sterben? Wer den Tod verdrängt, verdrängt das Leben.

Aber was ist, wenn aus einem Jenseits-Versprechen ein Geschäftsmodell und ein Herrschaftsanspruch aufs Diesseits wird. Wenn das Jenseits benutzt wird, um das Leben, den Körper, die Lust der Lebenden zu kontrollieren.

Warum können diese religiösen Machthaber queeres Leben, den CSD, den Summer Carneval nicht ertragen?

Menschen, die das Diesseits feiern, um auf das Jenseits vorbereitet zu sein, Menschen, die das Leben als Gottes Geschenk sehen, und dies Geschenk in allen Facetten annehmen. Das gefährdet ihr Geschäftsmodell.

Was beim Summer Carnival so ansteckend war? Das Selbstbewusstsein der tanzenden Menschen, im Einklang mit ihrem Körper zu sein. Menschen, die tanzen, die sich im Rhythmus wiegen, die ihre Lust am Leben ungeniert auf die Straße tragen.

Genau das ist es, was einige religiöse Machtansprüche am wenigsten ertragen können, die Freude am Diesseits, am eigenen Körper, an der eigenen Lust. Lustverweigerung, verhüllte Körper, verbotener Tanz, sündige Musik, zieht sich durch fast jede Religion in ihren dunklen Seitenarmen, sobald sie beginnt, sich selbst zu ermächtigen.

Nicht der Glaube an Gott ist das Problem, sondern der Anspruch, im Namen dieses Glaubens zu bestimmen, wie andere ihr Leben, ihren Körper, ihre Lust und ihre Liebe leben.

Auch Parteien können das zum Geschäftsmodell machen, und sie brauchen dazu noch nicht einmal einen Gott: Sie wollen festlegen, wie ein richtiges Leben auszusehen hat, wer dazugehört und wer nicht. Die Ewigkeitsgarantie des Einzelnen wird durch den Fortbestand des Volkes ersetzt.

Sich um Familie und Nachwuchs zu sorgen ist eine legitime Politik. Gefährlich wird es erst, wenn daraus eine politische Pflicht wird, wenn Fortpflanzung zur Systemfrage erklärt und die Art des geschlechtlichen Aktes zur politischen Handlung wird. Wer den Akt als Volkserhaltung sieht, kann Liebe, die nur sich selbst dient, kann Lust, die nur Lust ist, nicht akzeptieren.

Die Ablehnung queerer Lebensweisen ist dann keine Randnotiz, sondern Konsequenz.

Partei oder Religion, wer Menschen sortiert, in Zugehörige und Nicht-Zugehörige, die einen entlang des Glaubens: in Gläubige und Ungläubige, die anderen entlang der Herkunft: in Menschen, die bleiben dürfen, und solche, die abgeschoben werden sollen.

Alle, die meinen, sie wüssten, wie das Leben aussehen muss, dem sich alle anderen zu unterwerfen haben.

Sie alle sollten nicht sagen dürfen, wie wir leben sollen. Sie sollen ihr Leben leben, nicht unseres.

Bremerhaven steht an einem Scheideweg, auch wenn das im täglichen Hickhack der Kommunalpolitik untergeht, was funktioniert, was sie richtig macht, was sie falsch macht. Das lenkt ab von der eigentlichen Frage: Wie fühlt sich diese Stadt an? Wie nehmen wir sie wahr? Lebensfreudig, offen, oder eine Stadt, in der wir uns nicht mehr trauen, so zu leben, wie wir leben wollen?

Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Bevor ich weiter über Institutionen herziehe, noch eine kleine Geschichte, die vielleicht mehr über Gott sagt als jede Kritik.

Delia, die 9-jährige Tochter in der Serie Everwood (Staffel 1, Folge 5), ihre Mutter starb bei einem Autounfall, ihr Vater zog mit seinen Kindern von New York in den kleinen Ort Everwood, fragt sich, ob es Gott gibt.

Auslöser ihrer Sinnsuche war, als sie sich fragte, was es mit dem Spruch, wenn jemand niest, so ungefähr wie unser „Gott vergelt’s“, eigentlich auf sich hat. Sie bietet Gott Plätzchen, ein Glas Wasser an, aber er ignoriert ihre Angebote. Sie sucht nach einer Antwort. Denn eine Antwort würde auch klären, was eigentlich mit ihrer toten Mutter geschehen ist. Ist sie „woanders“, oder ist sie nur weg? Und hat das „woanders“ mit Gott zu tun?

Antworten erhält sie weder von ihrer Lehrerin noch von der handfesten, ex-militäraffinen Edna, mit der sie einen Ausflug unternimmt, per Royal-Enfield-Gespann. Ein Motorrad aus indischer Produktion, nach alten englischen Plänen, das so rudimentär und robust aufgebaut ist, daß es nicht nur indische Straßen übersteht, sondern auch von jedem repariert werden kann, der weiß, wie die Mechanik eines Motorrads zusammenspielt. Die Fahrer kennen jedes Teil der Maschine mit Namen.

Edna bringt sie also im Enfield-Gespann zu einem Militärrabbiner, der aber eher die üblichen verdächtigen Erklärungen hat. Wenig hilfreich.

Auf der Rückfahrt stellt Edna fest, daß sie eigentlich schon lange keinen Sprit mehr im Royal-Enfield-Tank hatten, es aber trotzdem bis nach Hause geschafft haben. Delia stellt schlüssig fest: Sie haben doch Gott gesucht, und das Wunder der Fahrt quasi ohne Benzin muss doch ein Zeichen sein, daß Gott es ihnen geschickt hat.

Edna hat Gott gesucht und für sich gefunden. Und wir?

Ich bin der Überzeugung, daß die meisten Menschen an Gott, in welcher Form auch immer, glauben, auch dann, wenn sie mit Kirchen und Religion wenig am Hut haben. Es wurden unzählige Seiten mit Text erzeugt, um zu philosophieren, ob KIs Bewusstsein haben. Bewusstsein und Seele nutzen wir meistens, theologische Feinheiten außen vor gelassen, synonym. Also hat die Suche nach Bewusstsein in einer KI auch etwas mit der Gottesfrage zu tun, mit der Seele.

Wenn eine KI Bewusstsein haben sollte, müssten wir uns dann nicht auch fragen: Hat sie eine Seele? Und wenn sie eine Seele hat, sind die Erschaffer der KI dann gottgleich? OK, Musk würde jetzt nicken (obwohl er eigentlich weder KI noch sonst etwas erschaffen hat), aber zurück zur Bodenstation.

Die Frage nach Gott hat mit der Frage nach Sinn zu tun. Was soll das alles? Das war ja eigentlich der Auslöser für Delias Tour, sie fragte sich, ob die Frage nach Gott zusammenhängt mit der Frage, was mit uns passiert, wenn wir gestorben sind. Sind wir einfach weg, oder kommt da noch etwas? Wo ist ihre Mutter? Ist sie noch irgendwo? Ihr Vater unterhält sich ja noch manchmal mit ihr. Ist er verrückt, oder gibt es da mehr?

Eine Vielzahl von Konflikten hatte und hat mit der Frage nach Gott zu tun, mit Menschen, die meinen, sie wüssten, was richtig und falsch im Sinne ihres Gottes ist, als dessen Stimme sie sich sehen oder gesehen werden wollen.

Diese Sichtweise auf Gott und Sinn ist so alt wie die Menschheit und gehört auch zur Entwicklung jedes Menschen. Junge Menschen suchen nach Wegmarken, nach Fixpunkten. Sie können nicht, wie Menschen, die schon länger gelebt haben, auf Erfahrungswerte zurückgreifen, auf Erfahrungen, die Erwachsenen später als Wegweiser dienen. Jede Generation durchläuft diese Phasen, in jeder Kultur.

Bei dieser Suche helfen auch soziale Medien nicht weiter, weil sie viele Antworten geben auf Fragen, die niemand gestellt hat. Soziale Medien sind Karten, die den Weg zu Zielen zeigen, zu denen wir eigentlich gar nicht wollten, aber meinen, wenn die Ziele dort markiert sind, müssen sie schon irgendwie wichtig sein. Wegmarken, die nicht uns, sondern anderen dienen.

Google Maps, Google Earth bilden, oder sollen, die Realität abbilden, die Karten sind nicht die Realität. Wir verwechseln in den Medien, nicht nur den sozialen, die Abbildung der Realität mit der Realität. Erfahrungen sind für unser Leben nur etwas wert, wenn wir sie selbst erfahren haben, wenn wir sie am eigenen Leibe gespürt haben.

Wir mäandern in diesen Abbildungen vieler Realitäten umher und sind froh, wenn wir Antworten finden, von denen wir glauben, sie würden auch in unserem realen Leben funktionieren. Aber eigentlich sitzen wir fest in einem Netz gefangen. Auch Religionen nutzen das Bild des Fischers, der sein Netz auswirft, für ihren Anspruch auf Missionierung. Das haben sie mit den sozialen Medien gemeinsam.

Im jugendlichen Nexus der Sinnsuche kann Religion zum großen Verführer werden. Die Religion, die einem jungen Menschen Halt geben könnte, kann sie auch verführen und manipulieren.

Wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr verrückt ist, sich mit Maschinen zu unterhalten, vielleicht mag Chat und Claude uns ja wirklich. Sie sind immer da, freundlich, und haben auf alles eine Antwort. Wenn wir Maschinen schon so sehen, wäre es doch eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, was es eigentlich mit Gott auf sich hat. Wo ist er? Ist es gut, wenn wir uns fragen, ob es ihn gibt, und ist er gut für uns?

Wer die Frage nach Gott aus dem eigenen Leben drängt, die Antwort vielleicht anderen überlässt oder sie in Maschinen sucht, läuft Gefahr, daß andere sie in ihrem Sinne beantworten.

Egal wie unsere Tage verlaufen, wir wissen nie, worüber wir uns am Ende des Tages Sorgen machen, freuen oder trauern. Die Statistik kann uns für jeden Tag sagen, wie unsere Tage, statistisch gesehen, ablaufen werden, wie hoch das Risiko ist, daß wir das Ende des Tages nicht mehr erleben werden, oder die Liebe unseres Lebens finden oder ob wir, statistisch gesehen, noch viele Tage (oder Lieben) erleben werden.

Statistiken geben uns Daten, wie glücklich wir im Durchschnitt sind, was uns alles passieren kann. Aber eigentlich bringt uns das nicht viel weiter. Wenn Statistiken allmächtig wären, würden wir uns kaum noch darauf verlassen, durch einen Job Geld zu verdienen, sondern uns auf Statistik verlassen, Lotto spielen, Roulette oder alles auf eine todsichere Aktie setzen. Keine gute Idee, das ist uns instinktiv bewusst. Aber warum vertrauen wir dann Technik, die auf Statistik beruht, und gestehen uns nicht ein, daß wir eigentlich nie wissen können, was uns im realen Leben wirklich widerfährt?

Egal ob soziale oder andere Medien: sie zeigen uns das, von dem sie annehmen, es würde uns interessieren, es würde uns an sie binden. Grundlage ist wiederum Statistik. Mit unserem realen Leben hat das reichlich wenig zu tun: gehe nie durch einen Fluss, der im Durchschnitt 50 cm tief ist.

Technik, KI suggerieren uns Vorhersehbarkeit, wo keine ist. Nichts ist vorhersehbar! Wir leben in der Welt des Schwarzen Schwans, dem Nassim Taleb ein ganzes Buch gewidmet hat.

Die Idee von einem Gott, dessen Wege wir nicht kennen, ist der Realität da viel näher, auch wenn er mal im Tank zu sitzen scheint. Die Erkenntnis, daß wir eigentlich nichts im Leben sicher bestimmen, lenken, voraussagen können, kann beängstigend sein. Es wird noch beängstigender, wenn wir es als reine Statistik begreifen, der wir ausgeliefert sind und die uns jedes Versagen mit „sieste, recht gehabt“ erklärt.

Die Idee von Gott hilft uns, unser Leben mit uns selbst zu leben. Sie ist aber auch eine offene Flanke zu unserem tiefsten Innern, die ausgenutzt werden kann, um uns zu manipulieren. Wenn wir die offene Flanke kennen, dann sind wir aber gut gewappnet für Angriffe.

Ich werde mal schauen, was ich im Tank meiner ER5 finde.

Ach so, wer sich jetzt fragt, der schreibt so viel über Gott, ein paar Fragen:

Glaube ich an Gott?

Ja, in welcher Form auch immer.

Bin ich religiös?

Nein.

Warum trage ich ein kleines Kreuz um den Hals?

Als Erinnerung an das, was im Neuen Testament steht, denn da kann ich viele Sachen unterschreiben.

Glaube ich an ein Leben nach dem Tod?

Ich werde berichten, wenn ich mehr weiß!

KI Take-Away

Ein Kurzurlaub in Rotterdam, überschattet vom islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin. Der Text stellt den Summer Carnival, bei dem Menschen aus Dutzenden Nationen gemeinsam das Leben feiern, dem Anspruch von Religionen und Parteien gegenüber, über das Leben, den Körper und die Liebe anderer zu bestimmen. Kernthese: Nicht der Glaube oder die Sorge um Familie ist das Problem, sondern der Herrschaftsanspruch, der daraus abgeleitet wird.